Dossier Tihange

Atomunfall: 42.000 Tabletten liegen für die Nordeifel bereit

Von: Andreas Gabbert
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Apotheker Peter Kaulard hält die Einnahme von Jod-Tabletten bei einem Atomunfall auf jeden Fall für sinnvoll und erklärt, was es dabei zu beachten gilt. Foto: A. Gabbert

Nordeifel. Bei einem Atomunfall will das Land Nordrhein-Westfalen bis zu drei Millionen Haushalte mit Jodtabletten versorgen. Im Umkreis von 100 Kilometern um einen Unglücksreaktor würden die Tabletten an alle Menschen unter 45 Jahren ausgegeben.

Außerhalb dieses Radius an schwangere und stillende Frauen sowie Kinder und Jugendliche, hatte ein Sprecher des Landesinnenministeriums Anfang Dezember erklärt.

Mit der Einnahme der Tabletten soll eine Jodblockade aufgebaut werden. Dabei wird die Schilddrüse mit nicht radioaktivem Jod gesättigt, damit sie freigesetztes radioaktives Jod nicht mehr aufnehmen kann. Nicht ganz klar ist bislang, wie die Verteilung der Tabletten erfolgen soll.

Die Städteregion Aachen verfügt zurzeit über insgesamt 825.000 Tabletten. Die Stadt Monschau hat davon 15.000 Tabletten erhalten, die auf die Feuerwehrgerätehäuser verteilt wurden. Ein Teil sei auch im Rathaus vorrätig, erklärt der Leiter des Ordnungsamtes, Vinzenz Klein. Die Gemeinde Roetgen hält 9000 Tabletten im Rathaus vor und die Gemeinde Simmerath 18.000 Tabletten.

Zur Verteilung der Tabletten verweisen die Kommunen auf die Städteregion, von der sie in diesem Fall Anweisungen erhalten. Die Zahl der Tabletten sei nicht deckungsgleich mit den Menschen, die versorgt werden müssten, sagt der Pressesprecher der Städteregion, Detlef Funken. Dies hänge mit der unterschiedlichen Dosierung, zum Beispiel für Kinder und Erwachsene, zusammen. Für den Ereignisfall sei man aber gut versorgt.

Die Städteregion würde die Tabletten gerne vorab verteilen und fordert dazu die Genehmigung des Landes ein. „Wir befinden uns in enger Abstimmung und erhalten wertvolle Hinweise. Es geht darum, wie und an welchen Personenkreis eine Vorverteilung erfolgen kann“, sagt Funken.

Es seien noch viele Fragen offen, mit denen man sich „aktuell“ und „mit Nachdruck“ in unterschiedlichen Arbeitskreisen befasse, an denen die Stadt Aachen und die Städteregion sowie die Kreise Euskirchen, Düren und Heinsberg beteiligt seien. Dabei gehe es um die Information der Bürger, die Verteilung der Jod-Tabletten und die Anschaffung von Atemmasken speziell für Kinder.

Einige Bürger haben sich in den Apotheken auch schon selbst mit Tabletten eingedeckt. Vor einem Jahr habe es einen großen Ansturm gegeben, rund zehn Anfragen habe es damals pro Woche gegeben. „Daran sieht man, dass es ein großes Thema für die Leute ist“, sagt Peter Kaulard, Inhaber der Marien-Apotheke in Imgenbroich.

Vor einem Jahr seien die Tabletten noch nicht einfach verfügbar gewesen und mussten importiert werden. Inzwischen gebe es aber auch in Deutschland eine Zulassung für das Medikament. „Mittlerweile geht die Nachfrage wieder zurück, nur einmal pro Woche wird noch nach Jod-Tabletten gefragt, da die Bevölkerung weiß, dass die Behörden Vorräte angelegt haben“, stellt der Apotheker fest.

Wer in die Apotheke kommt, um Jod-Tabletten zu kaufen, hat in der Regel auch einige Fragen. Dabei handele es sich um Fragen zu den Nebenwirkungen, zur Einnahme und Dosierung und um die Frage, wie sinnvoll die Einnahme ist, sagt Kaulard.

Im Falle eines Reaktorunfalls sei sie auf jeden Fall sinnvoll, da die Schilddrüse aus der Nahrung und der Luft permanent Jod einlagere und später wieder freigebe, erläutert der Apotheker. „Sollte es zu einem Reaktorunfall kommen und radioaktives Jod durch die Luft zu uns gelangen, dann wird dieses in der Schilddrüse angereichert und erhöht nachgewiesener Maßen das Risiko, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken“, sagt Kaulard.

Durch die Einnahme der Jod-Tabletten und eine damit einhergehende Sättigung der Schilddrüse mit nicht radioaktivem Jod werde aber verhindert, dass radioaktives Jod in die Schilddrüse gelangen könne.

An dieser Stelle sind dem Apotheker zwei Hinweise wichtig. Zu einem liege die Altersgrenze für die Einnahme bei 45 Jahren, da mit zunehmendem Alter das Risiko einer Erkrankung abnehme. Außerdem würden Nebenwirkungen mit steigendem Alter wahrscheinlicher. Dazu zählten zum Beispiel allergische Reaktionen, Magenreizungen und eine Schilddrüsenüberfunktion, die sich durch erhöhten Puls, Schweißausbrüche und Schlaflosigkeit bemerkbar machen können.

Des Weiteren verweist Kaulard darauf, dass man die Tabletten keinesfalls prophylaktisch einnehmen solle. Dann stelle sich der gewünschte Effekt zu früh ein und später könne dann die Aufnahme radioaktiven Jods nicht unbedingt verhindert werden.

Der Zeitpunkt der Einnahme wird im Ernstfall von den Behörden bekanntgegeben. Kinder bis zum Alter von einem Monat sollten dann ein Viertel einer Tablette bekommen, Kinder bis zu drei Jahren eine halbe Tablette, Kinder bis zu zwölf Jahren eine Tablette und Menschen im Alter von 13 bis 45 Jahren zwei Tabletten.

Wichtig sei auch, das richtige Medikament einzunehmen, sagt Kaulard. Auf dem Markt gebe es eine Menge Jod-Tabletten, die bei einer Erkrankung der Schilddrüse eingesetzt werden könnten. Deren Wirkstoffgehalt sei aber so gering (etwa 1/300 der notwenigen Dosis), dass damit keine Jod-Blockade erzeugt werden könne. Das einzige in Deutschland zugelassene Präparat trage den Namen „Kaliumjodid ‚Lannacher‘ 65mg-Tabletten“.

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