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Schurke, Pate, Grandseigneur und bald AKV-Ritter

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
Mario Adorf / Manfred Kutsch
Blick ins AKV-Journal, die Spannung vor der Rolle als närrischer Ritter steigt: Zwei Stunden lang sprach Mario Adorf mit AZ-Redakteur Manfred Kutsch über Karneval, Kindheit, Älterwerden und die Welt des Films.

Köln. Die zweistöckige Feudal-Lobby des Fünf-Sterne-Hotels „Excelsior” auf der Kölner Domplatte ist geprägt von Ölgemälden in Goldrahmen, weichem, rosagelbem Teppichboden, weißen neoklassizistischen Säulen, edlem Marmor und dezentem Halogenlicht. Durch die Drehtür kommt ein älterer Herr auf dem Weg von Südafrika, Paris, Berlin, München, St. Tropez, Hamburg, Wiesbaden und steuert griemelnd unseren Clubtisch an.

Fester Händedruck, prüfender Blick auf die freie Couch, dann rührt er seinen Cappuchino und hadert erst einmal mit dem blöden Kandis-Zucker: „Der löst sich doch erst morgen auf.”

Schon ist die Nobelkulisse im Nichts verschwunden, denn Mario Adorf füllt den Prunkraum auf seine spezielle Weise: Schlohweißes Haar, buschige, pechschwarze Augenbrauen, ein schmales Goldkettchen um den Hals, tailliertes blau-weiß gestreiftes Hemd mit offenem Kragen, maßgeschneiderter dunkler Anzug, das Gesicht immer noch Schurke, Pate und Grandseigneur, die Stimme sonor, sein Blick verbindlich. Und verschmitzt: „Wenn ich geahnt hätte, welches Ausmaß dieser Aachener Karnevalsorden für mich haben wird, dann hätte ich es mir vielleicht zweimal überlegt.” Am 7. Februar wird es im Aachener Eurogress soweit sein.

Deshalb stellen wir zunächst vieles hinten an. Die ganze Filmwelt, in der sich der 78-jährige Adorf unter anderem mit Peter Ustinov, Henry Fonda, Claudia Cardinale, Gudrun Landgrebe, Claude Chabrol, Billy Wilder, Rainer-Werner Fassbinder und Helmut Dietl getummelt hat. Seine legendären Rollen als der „Große Bellheim” oder als Banditenführer Santer, der Winnetous Schwester Ntscho-tschi erschoss. Die schwere Kindheit im Eifelstädtchen Mayen, seine Lebensjahrzehnte in Rom. Man könnte mit dem Mann ja Tage und Nächte reden.

Aber jetzt plaudern wir zunächst einmal - nach 30facher Auszeichnung unter anderem mit dem Großen Bundesverdienstkreuz, dem Deutschen Filmpreis, dem Bambi, der Goldenen Kamera - über diesen „Ritterschlag” Wider den tierischen Ernst, „auf den ich mich wirklich freue”. „Der AKV-Orden hat ein großes Renommee und ist für mich zweifelsfrei eine Herausforderung.”

Zudem habe er ja ohnehin „vielfache Bande nach Aachen”, nicht nur durch seine Lesungen, auch durch den kultigen Tivoli-Werbespot „Heiko trifft wieder”. „Ich schaue in der Tabelle regelmäßig nach Alemannia”, sagt das Ehrenmitglied der Schwarz-Gelben.

Fehlt nur noch die Bindung zum CHIO. Bei diesem Stichwort reagiert der Weltstar, als habe man ihm die Sporen gegeben: „Ja, dahin will ich in der Tat schon seit langer Zeit.” Schließlich „liebe ich Pferde über alles”, er kenne Hans-Günther Winkler gut, habe sich im übrigen bei Westernritten „nie doubeln lassen” und deshalb „eigene Erfahrungen mit dem Springreiten”. Freilich nicht über blau-weiß-rote Sponsorenplanken, sondern beidhändig Revolver ballernd über brennende Baumstämme und umgekippte Kutschen.

Mahnend blickt der in Öl verewigte Kaiser Friedrich II. nebst Pferd über Adorfs Lobbysofa auf uns herunter. Zumal wir uns wieder der Narretei zuwenden - und auf seine Rolle, die mit keiner seiner rund 200 Kino- und Fernsehfilmen zu vergleichen ist: „Natürlich werde ich vor meiner Ritterrede Lampenfieber haben.”

Wenn er das nicht mehr habe, „dann ist Routine eingetreten, das ist für mich ein Schimpfwort”. Er hat sich die ARD-Übertragung der Festsitzung des letzten Jahres auf DVD angeschaut: „Beeindruckend, wie Gloria agiert hat und in die Veranstaltung eingebunden war.” Sie sei ja „eine richtige Stimmungskanone” und dann befallen ihn Selbstzweifel: „Ob ich das so kann, weiß ich wirklich nicht.”

Er selber suche derzeit noch nach seiner Rolle und flüstert geheimnisvoll: „Irgend etwas könnte es mit Dialekt zu tun haben.” Schließlich ist er bei allem weltweiten Leben auch des Rheinischen mächtig - spätestens seit der kölsch-italienischen Komödie „Pizza Colonia” kein Geheimnis.

Unvergessenes „Heidewitzka”

Adorfs Handy klingelt: „Mama mia”, stöhnt er wie zu seinen besten italienischen Zeiten „Peter, bist Du es? Hör mal, ich bin gerade mitten in einem Interview.” Zack, Gespräch beendet: „So, das Ding mache ich jetzt aus.” Und weiter geht es.

„Ich habe zwar seit langem nichts mehr mit Narretei zu tun”, sagt der designierte AKV-Ritter - aber seine Biographie kompensiert den Mangel am aktuellen Jeckentum: „Als Jugendlicher habe ich in Mayen Karneval gefeiert, die Lieder dieser Zeit habe ich heute noch drauf.” Kostproben: „Heidewitzka, Herr Kapitän, mem Müllemer Böötche fahre mer su jän” oder natürlich „Oh Mosella, trinkst du den Wein allein”.

Es fehlt nicht viel, und Adorf schmettert mit mächtiger Stimme Kaiser Friedrich von der Wand herunter. „Als Student habe ich in Mainz gefeiert, später sogar in Basel. Im Münchener Fasching erhielt ich den Valentin-Orden.” Mario Adorf blickt zutiefst zufrieden. Auch im närrischen Sinne kann er sich also polyglott nennen.

Apropos. Wie erklärt er sich die Umfragen? Nicht nur beliebtester Schauspieler Deutschlands zu sein, sondern auch zu den sieben vertrauenswürdigsten Persönlichkeiten zu zählen - und zwar noch vor dem Papst? Mit einer wegwerfenden Rückwärtsbewegung der linken Hand über die linke Schulter signalisiert der Weltstar, was er von Umfragen hält.

Aber die Erklärung wollen wir dennoch hören. „Ich habe nicht darauf hingearbeitet. Im Gegenteil: Ich habe gerne den Bösen gespielt, weil er facettenreicher ist, als der Gute, dafür ließ ich mich ja sogar über Generationen hassen. Aber...”, gerät Adorf erstmals ins Stocken, zögert, denkt nach und sagt: „Vielleicht liegt es ja daran, dass ich in meiner Arbeit und meinem Leben immer versucht habe, glaubwürdig und authentisch zu bleiben”.

Die wichtige Rolle der Mutter

Dass das Fundament einer solchen Entwicklung zu allererst in der Kindheit gelegt wird, vermag in seinem Fall zu erstaunen: Vaterlos aufgewachsen, strenges Waisenheim mit autoritären Nonnen und Priestern, Ängste bei Bombennächten, Erstkommunion und Eintritt in die Hitlerjugend zeitgleich. Aber der eine Sonntag in der Woche, an dem seine um den Lebensunterhalt allein kämpfende Mutter den Sohn zu sich holen konnte - der scheint extrem wichtig in seinem Leben gewesen zu sein: „Sie hat dafür gesorgt, dass ich keine traumatischen Erfahrungen gemacht habe. Sie hat mir Selbstwertgefühl gegeben und immer gesagt: Mario, du bist etwas Besonderes.”

Die Mutter sollte Recht behalten. Der junge Mario boxte sich durch - im wahrsten Sinne des Wortes: In der Nachkriegszeit erlernte er den Boxsport, um nicht bestohlen zu werden. Der Überlebenskampf hatte ihn geprägt, und bis heute hinterließ das Spuren: Trotz über 30-jähriger Ehe mit seiner Monique und guter Verbindung zur Tochter und Münchener Schauspielerin Stella-Maria (45) wurde er „nie ein eingefleischter Familienmensch”.

Und sein Freund zu werden, in diesem eitelkeitsüberzogenen Business, scheint auch nicht einfach zu sein: „Ich habe mich nie in Cliquen bewegt.” Nein, da sei er lieber mit dem Bekanntenkreis seiner Frau in Paris unterwegs: „In dieser Stadt kennt mich niemand, da kann ich normal leben.”

Seine Schauspielkunst bezeichnet Mario Adorf nüchtern als „Handwerk”: „Wichtig ist, dass die Leute sagen, der kann das.” Ein Understatement, das ihn mit vielen weiblichen Stars von Weltrang vor die Kamera brachte - etwa mit Sophia Loren. „Sehr professionell” sei sie gewesen, aber auch „sehr unpersönlich”. Und sowieso: „Die Leute denken oft: Das muss nur so knistern in den Liebesszenen im Film. Ich habe ganz selten erlebt, dass ein Filmkuss in der Realität sein Echo gefunden hätte.”

Und die ungezählten Regisseure von erster Güte, mit denen er gearbeitet hat? „Von denen habe ich viel Unterschiedliches gelernt, aber geprägt hat mich niemand.” Der Mann ist aus eigener Kraft seinen Weg gegangen. Sicher: „Ich hatte viele liebenswerte und großartige Kolleginnen und Kollegen.” Persönlich geprägte Bande aber hat er nur wenige - etwa zu Blacky Fuchsberger, Iris Berben, Hannelore Elsner oder Senta Berger. Aber Freundschaften?

„Kann gut mit mir alleine sein”

Jedenfalls ist niemand darunter, den Mario Adorf als Vertrauten nachts anrufen würde, wenn ihn düstere Gedanken zum Älterwerden befallen, „die Angst vor Krankheit oder Einsamkeit”. Ein Publikumsliebling einsam? Der Schauspieler schüttelt den Gedanken dann wieder mit einer Handbewegung ab: „Im übrigen kann ich sehr gut für mich alleine sein.” Zum Beispiel mit abstrakter Malerei, eigenen Modellierarbeiten oder Jazz oder Bach.

Oder mit der Gabe, seinen Weltruhm zu persiflieren. Auf der MS Europa wurde jüngst für einen guten Zweck eine Komparsenrolle zu einem Film von Detlef Buck versteigert. „Ich habe da einfach mitgeboten, um den Preis nach oben zu treiben”, berichtet Adorf. „Aber bei 2200 Euro haben sie mich hängen gelassen.” Mit großem Tusch erhielt er den Zuschlag. Drehort war Hamburg. „Und verdient habe ich bei diesem Job 60 Euro.” Adorf amüsiert sich köstlich über die Episode.

Gute Voraussetzung für seinen Auftritt in Aachen. Dort bekommt er nämlich null Euro. Aber immerhin den AKV-Orden. Und eine langen Nacht, die sich erst am nächsten Morgen auflöst. Wie der Kandis-Zucker.
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