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Klimawandel: Wenn Wasser gefährlich wird

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Lebensgefahr bei Sturzfluten: Holger Schüttrumpf, Wasserexperte der RWTH. Foto: Michael Jaspers
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Das neue Hörsaalgebäude C.a.r.l. der RWTH am späten Nachmittag, ausverkauftes Haus, sozusagen: Bei der Kinderuni unserer Zeitung ging es um Hochwasser, Starkregen und Sturzfluten. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Eigentlich ist das gar nichts Neues: Wenn es viel regnet oder Sturm das Meer aufpeitscht, kann es Hochwasser mit Überschwemmungen geben. Warum die Menschen heute stärker von extremen Hochwasserereignissen betroffen sind, erklärte Holger Schüttrumpf, Leiter des Instituts für Wasserbau und Wasserwirtschaft der RWTH Aachen bei der Kinderuni am Freitag.

Herr Professor, wenn ich an Hochwasser denke, fallen mir zuerst Sturmfluten an der Nordsee ein. Manchmal treten auch große Flüsse wie Rhein oder Elbe über die Ufer. Gibt es Hochwasser auch in unserer Region?

Schüttrumpf: Große Hochwasserereignisse wie die Sturmflut 1962 in Hamburg mit mehr als 300 Toten oder auch die Flusshochwasser an Elbe und Donau 2002 oder 2013 werden überregional bekannt. Aber es gibt auch Hochwasser durch Starkregen – und das kann es natürlich überall geben und jeden treffen. Der starke Niederschlag meist auf einem kleinen lokalen Gebiet lässt die Kanalisation überlaufen, so dass Wasser in Gebäude eindringen kann.

Wann wird es gefährlich?

Schüttrumpf: Bei Hochwasser kann Leben in Gefahr sein. Das ist zum Beispiel bei Sturzfluten der Fall, bei denen sehr kurzfristig Wasser in einem sonst eher genügsam dahinfließenden Fluss oder Bach extrem ansteigt. Oder wenn das Hochwasser zum Versagen von Hochwasserschutzbauten wie Deichen führt. Das kommt in Deutschland zum Glück nur sehr selten vor, aber dennoch müssen wir uns davor schützen.

Was bedeutet denn selten?

Schüttrumpf: Je nach Gebiet sind das Hochwasserereignisse, die statistisch einmal in 100, einmal in 500 oder sogar nur einmal in 1000 Jahren auftreten. Also sehr selten. Und dennoch muss man dafür gewappnet sein.

Es ist aber offenbar so, dass es in den vergangenen Jahren deutlich häufiger Hochwasser gab. Ist das ein falscher Eindruck?

Schüttrumpf: Nein, weltweit nehmen Hochwasserereignisse zu. Das hat verschiedene Gründe: Zum einen werden die Auswirkungen des Klimawandels spürbar. Zum anderen haben wir heute eine ganz andere Landnutzung. Viel gravierender als der Klimawandel ist in dieser Hinsicht, dass wir viel häufiger in Gebieten leben, in denen Hochwasser auftritt. Das hat auch mit der Zunahme der Erdbevölkerung zu tun. Um 1900 gab es eine Milliarde Menschen auf der Erde, heute sind es sieben Milliarden, ohne dass die Fläche zugenommen hätte. Flüsse sind außerdem Lebensadern, deshalb haben die Menschen schon vor Jahrhunderten dort bevorzugt gesiedelt. Die großen Städte in Deutschland und Europa liegen an Flüssen, weil sie schon Transport ermöglichten, als es noch kein dichtes Straßen- und Schienennetz gab. Aber das sind immer auch Gebiete, in denen es eher Hochwasser geben kann.

Deiche gibt es schon ziemlich lange. Baut man die heute anders als früher?

Schüttrumpf: Ja, gut zu sehen ist das an der Küste. Früher waren die Deiche niedrig und steil, heute sind sie flach und hoch. Früher hat man immer nach einer Überflutung den Deich höher gebaut. Heute können wir Wasserstände und dafür nötige Deichhöhen berechnen. Auch haben wir andere Baumaterialien zur Verfügung. Früher wurden in erster Linie Erdbaumaterialien genutzt, heute können wir zusätzlich durch Kunststoffbahnen oder Geotextilien dichten.

Hat sich im Hochwasserschutz sonst etwas wesentlich verändert?

Schüttrumpf: In den vergangenen zehn oder auch 20 Jahren hat sich die Forschung sehr auf die Hochwasserereignisse an den Flüssen konzentriert – ausgelöst durch die Hochwasser 1999 an der Oder und 2002 an der Elbe. Im Moment geht die Tendenz stärker zu den Starkregenereignissen und Sturzfluten. Das Hochwasser, das in der Stadt ausgelöst wird, wird heute stärker in den Blick genommen. Gegen Hochwasser quasi aus dem Nichts nach einem Starkregen muss sich jeder einzelne schützen. Dagegen helfen keine Deiche. Da können besser Lichtschächte oder Türschwellen mit Absätzen versehen werden. Das sind einfache Maßnahmen, aber dieses Bewusstsein muss sich noch entwickeln.

Von extremem Hochwasser wird schon in der Bibel erzählt, siehe Arche Noah.

Schüttrumpf: In der Tat gibt es Hochwasser und vor allem Hochwasserschäden nicht erst in den vergangenen Jahren. Das Thema betrifft die Menschheit schon seit Jahrtausenden. Die Geschichte der Arche Noah geht auf das Gilgamesch-Epos zurück, das im zweiten Jahrtausend vor Christi Geburt entstanden ist. Auch heute sind Hochwasser Bestandteil des natürlichen Wasserkreislaufes, wenn auch extreme Phänomene. Nur durch den Menschen kann es zu einer Hochwasserkatastrophe werden. Denn es interessiert uns ja erst dann, wenn wir durch unsere Landnutzung in Konflikt mit dem natürlichen Hochwasser geraten, etwa wenn wir in hochwassergefährdeten Gebieten wohnen oder andere Aktivitäten dort entfalten. In einem so dicht besiedelten Land wie Deutschland ist es aber wohl unmöglich, gänzlich auf Siedlungen in Hochwassergebieten zu verzichten.

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