Aldenhoven - Mit gedruckten Worten durch die Straßen

Mit gedruckten Worten durch die Straßen

Von: Christina Diels
Letzte Aktualisierung:
4907086.jpg
Ein Hut, eine Krawatte und ein gefalteter Rock aus Zeitungspapier: So setzt Inge Hanrath-Speidel das Kostüm für den Rosenmontagszug in Siersdorf zusammen. Foto: Christina Diels

Aldenhoven. Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, denken Sie? Wenn es hoch kommt, packen Sie darin noch den Fisch ein? Oder stopfen ihre nassen Schuhe damit aus? Oder putzen damit die Fenster? Zugegeben, die Zeitung ist ein Werk, das sehr schnell vergeht. Das muss aber nicht sein.

Im Aldenhovener Ortsteil Siersdorf konservieren neun Karnevalisten das Papier, das Jülicher und Aachener Journalisten täglich beschreiben. Zumindest noch bis Rosenmontag. Die Gruppe bastelt aus Tageszeitungen dieser Zeitung dieses Jahr ihre Kostüme für den Straßenumzug in Siersdorf.

Eine Zirkusvorstellung

Theresa Eggemann, Marita Clausmann, Gerta Brück, Herbert Tetz, Elke Tetz, Felix Tetz, Marita Kemer sowie das Ehepaar Inge Hanrath-Speidel und Georg Speidel gehen mit. Lange sammeln mussten die Neun die Zeitungsausgaben dafür nicht. „Das sieht immer so viel aus“, sagt Inge Hanrath-Speidel und zeigt auf die Kostüme, die in ihrem Wintergarten liegen. „Aber in jedem Kostüm steckt nur eine einzige Zeitung.“

Als Familie Tetz mit Sohn Felix in einer Zirkusvorstellung in Aachen einen Clown sieht, der mit Papierkunst auftritt, geht sie damit zu Inge Hanrath-Speidel. Weil die sich als Künstlerin jedes Jahr immer wieder gerne die Kostüme ausdenkt. Irgendwas mit Papier soll es werden. Weil viele Zeitungsleser in der Gruppe sind, brauchen sie nicht lange überlegen, welches Material sie nehmen. „Wir haben ein paar dabei, die sehr belesen sind“, sagt Hanrath-Speidel. Da passt das mit der Zeitung. Und so tragen sie die Informationen im wahrsten Wortsinn mit in den Karneval.

Die Kopfbedeckung besteht aus zwei Zeitungs-Dreiecken, einem kleinen und einem großen, alles per Hand gefaltet. Die sind irgendwie ineinander gesteckt, nicht so leicht zum Nachfalten. Die Krawatte schon eher. Der dritte Teil des Kostüms, der Rock, ist nur etwas für Experten. Darum hat Hanrath-Speidel auch vorab ein kleines Modell aus weißem Papier angefertigt, um zu sehen, ob der Schnitt funktioniert.

Herzstück des Rocks sind mehrere Zeitungsbögen, die wie eine Ziehharmonika gefalzt werden. Darunter klebt Pappe zur Verstärkung. Mit einer großen Nadel wird alles festgenäht. „Das geht ganz schön in die Hände“, sagt Hanrath-Speidel. Etwa sieben bis acht Stunden Arbeit stecken in jedem Kostüm. Bauchbinde und rote Hosenträger sorgen dafür, dass der Rock hält, wenn die neunköpfige Gruppe am Montag loszieht.

„Dafür, dass Siersdorf so ein kleiner Ort ist, ist der Karneval hier ganz schön groß“, sagt Hanrath-Speidel. Die Bürger organisieren sich in kleinen, privaten Gruppen, um zu Fuß oder mit einem Wagen durch die Straßen zu ziehen. Den gesamten Umzug organisiert seit 1969 der ansässige Karnevalsverein, die Interessengemeinschaft Rosenmontagszug.

„Wie heißt unsere Gruppe nun eigentlich?“, fragt Georg Speidel seine Frau, als er im Wintergarten steht und das kleine Kostüm für Felix in die Hand nimmt. Daran hat er nämlich gebastelt, gefalzt und genäht. Jedes Jahr gibt sich die Gruppe einen neuen Namen, passend zum Motto. Im Vorjahr waren sie die „Smileys“. „Dieses Jahr sind wir die ‚Tageblätter’“, sagt Hanrath-Speidel. „Wenn sich jemand im Dorf um alles kümmert, alles rumerzählt, selbst davon erzählt, dass ein Sack Reis umgekippt ist, dann sagen wir: ‚Der ist ein richtiges Tageblatt.’ Und so etwas gibt es hier in Siersdorf auch.“

Einen roten Schaumstoffball auf die Nase gesetzt und ein rot-weiß geringeltes Clownskleid übergezogen – und schon sind die „Tageblätter“ mit Hut, Rock und Krawatte aus Zeitungspapier fertig. Sieht so große Papierkunst aus? „Ich bin kein Kostümbildner, aber formen kann ich schon“, sagt die gelernte Objektdesignerin Hanrath-Speidel. Die Schritte beim Gestalten sind immer gleich. Das Wissen um die Statik, die Auswahl der Materialien, das ästhetische Gespür für die Farben und handwerkliches Geschick, zählt sie auf.

„In Serie können wir allerdings damit nicht gehen“, sagt Hanrath-Speidel. Dazu sei zu viel Handarbeit nötig. Eine Anleitung zum Nachbauen, für alle die ihre Zeitung nicht in die Papiertonne wandern lassen wollen, gibt es darum leider auch nicht. „Da müsste erst ein Fachmann ran und ein Schnittmuster erstellen, mit dem man arbeiten kann.“

Also bleibt es vorerst bei neun Exemplaren, die die Gruppe mit mattem Lack besprüht hat. Für den Fall, dass es regnen sollte. „So kommen wir auf jeden Fall durch den Zug“, sagt Inge Hanrath-Speidel. „Und wenn sie nach zwei Stunden Umzug kaputt sind, sind sie eben kaputt. Das ist eben das Vergängliche.“ Dann wandern die Zeitungen am Aschermittwoch in die Tonne. Wie gut, dass an dem Tag, an dem für dieses Jahr endgültig alles vorbei ist mit dem Karneval, wieder eine neue Zeitung im Briefkasten liegt.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert