Echter Stunk bald nur noch in Köln

Von: Gerald Eimer
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Fürsorgliche Sozialarbeit macht‘s möglich: Ultra-Fans des 1. FC Köln mutieren mithilfe einer Psychologin auf der diesjährigen Stunksitzung zur „Milden Horde“. Fortan grölen sie: „Keine Gewalt, sonst gibt’s was auf die Fresse.“ Foto: Thomas Brill

Köln/Aachen. Taugt das Thema Beschneidung für eine Karnevalssitzung? Aber ja doch! „Wenn ein verdammter Blödsinn über Jahrhunderte hinweg wiederholt wird, dann ist das kein Skandal – sondern Sitzungskarneval“, stellen die Alternativkarnevalisten der Kölner Stunksitzung klar.

Tatort eines besonders erschreckenden Falls von ritueller Beschneidung ist in ihrem Fall die Sparkassenfiliale Heimersdorf. Um elf Uhr elf wurde dort der ahnungslose, aus Münster stammende Filialleiter von drei Frauen angegriffen und beschnitten – nach uraltem Ritus und ohne Betäubung. Der ist nun entsprechend traumatisiert – wenngleich die Frauen beteuern, dass der Mann zuvor stundenlang die Paveier gehört habe: „Der muss völlig schmerzfrei gewesen sein.“

Kein Thema ist zu heikel

Die Eingangsnummer der diesjährigen Stunksitzung macht umstandslos deutlich: Diesem Ensemble ist weiterhin kein Thema zu heikel, um es nicht ins Absurde und Aberwitzige umzudeuten. Das hat ihnen in zurückliegenden Jahren auch schon mal Klagen von Gläubigen eingebracht, die für den bösen Witz der karnevalistisch-kabarettistischen Grenzgänger kein Verständnis hatten. Der Popularität der Sitzung kam das freilich immer zugute. Kölner Stunk ist auch im 29. Jahr das Maß der Dinge im alternativen Karneval.

In weitgehend unveränderter Besetzung begeistert das 22-köpfige Stunk-Ensemble nun schon seit 1984 in der fünften Jahreszeit mit Witz, Biss und Können die Fangemeinde. „Sie wollen einfach nicht altern“, heißt es anerkennend über Darsteller und Musiker, die einst beim Sozialpädagogik-Studium zueinander fanden, und von denen die meisten inzwischen die 50 überschritten haben. „Instandsetzen“ wollten sie damals den piefig-miefigen und bieder-bierbäuchigen Karneval. Und das tun sie bis heute.

„Klar diskutieren wir manchmal, wie lange wir das noch machen wollen“, sagt Winni Rau, Stunk-Sprecher und einer der Mitbegründer. Aber solange Qualität und Nachfrage stimmen, gebe es auch keinen Grund etwas zu ändern. „Wir werden einfach alle zusammen alt“, sagt er mit Blick auf ein ebenfalls in Ehren ergrautes, aber zahlungskräftiges Publikum.

46 Vorstellungen im Kölner E-Werk sind auch in diesem Jahr wieder ausverkauft. Inklusive der Übertragungsrechte im Fernsehen spült das einen Millionenbetrag in die Kassen der nach dem Kollektivgedanken organisierten Stunk-GmbH. Die Hälfte der Einnahmen decke die Produktionskosten, der Rest werde auf alle 22 Mitglieder zu gleichen Teilen verteilt, sagt Rau. Knapp ein halbes Jahr lässt sich davon gut leben. Die andere Hälfte nutzen sie für Soloauftritte, Kleinkunstprogramme, Konzerte, Theateraufführungen oder auch die Arbeit mit Jugendlichen.

Dies ist dann wohl auch die Erklärung dafür, warum in Köln floriert, was in Aachen soeben dem Ende entgegengeht: Die im Jahr 1992 nach dem Stunk-Vorbild ins Leben gerufene Aachener Strunx-Sitzung wird am Karnevalssonntag letztmalig zu sehen sein.

„Strunx war ein Generationenprojekt“, meint Rudi Zins, der die Sitzungen – sieben in jeder Session – gemeinsam mit Manfred Hammers über all die Jahre hinweg moderiert hat. „Basisdemokratisch“ hatten sich die Mitglieder schon im vergangenen Sommer entschieden, „auf der Höhe ihrer Schaffenskraft“ aufzuhören – „solange es dem Publikum noch richtig leid tut“.

Die Aachener haben freilich nie auch nur einen Teil ihres Lebensunterhalts mit Strunx verdienen können. Im Gegenteil: Das Ganze wird auch in diesem Jahr noch einmal ein Kraftakt sein, für den sie Freizeit und Urlaub opfern. Ob sich eine neue Generation findet, die sich diesen Stress antut und die Nachfrage in Aachen nach „etwas intelligenterer Unterhaltung im Karneval“ bedienen wird, ist vorerst ungewiss.

Denkbar, dass viele Fans demnächst wieder wie in alten Zeiten nach Domburg oder in die Skigebiete flüchten. Sie könnten aber auch nach Köln fahren. Denn selbst wenn man für die stets ausverkaufte Stunksitzung keine Karten kriegt, kann man dort inzwischen auf etliche alternative Alternativsitzungen ausweichen: Die Immisitzung (Motto: „Jeder Jeck ist von woanders“), „Fatal Banal“ oder „Deine Sitzung“ sind nur wenige Beispiele für eine buntblühende Szene. „Vielleicht liegt es ja daran, dass der Faktor Karneval in Köln einfach viel größer ist als anderswo“, meint Winni Rau. Dies bringt selbst protestantische Pfarrer dazu, im traditionell katholischen Karneval eine „Prots-Sitzung“ ins Leben zu rufen.

Die Mutter aller alternativen Karnevalssitzungen aber ist und bleibt die Stunksitzung. Sie wird auszugsweise am Fettdonnerstag, 7. Februar, ab 22 Uhr im WDR-Fernsehen gezeigt, in voller Länge ist sie in der Nacht zum Karnevalssonntag ab 0.45 Uhr zu sehen.

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