Und Europa atmet wieder mit beiden Lungenflügeln

Von: Amien Idries
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Aachen. Euphorisches, wortgewaltiges Plädoyer für Europa und ruhiger, feinsinniger Rückblick auf die Wende in Polen. Beides konnte erleben, wer die Vorträge von Max Kerner und Marek Prawda, Botschafter Polens in Deutschland, im Rahmenprogramm der Karls-Preisverleihung an den polnischen Premierminister Donald Tusk verfolgen durfte.<br />


Kerner, emeritierter Geschichtsprofessor an der RWTH Aachen, begeisterte seine Zuhörer in der Sparkassenfiliale am Elisenbrunnen mit einem kurzweiligen Vortrag zu den beiden bisherigen polnischen Karls-Preisträgern, Bronislaw Geremek und Papst Johannes Paul II..

Beide waren laut Kerner große Europäer. Geremek, dem der Karlspreis 1998 verliehen wurde, war Zeitzeuge und Opfer sowohl des nationalsozialistischen Terrors als auch der kommunistischen Unfreiheit. Diese Erfahrungen waren für den „unangepassten Intellektuellen” steter Antrieb zu einer friedlichen Wende in Polen - einer der Meilensteine auf dem Weg zu einem „Europa, das wieder mit zwei Lungenflügeln atmet”.

Dieses Zitat leitete zum zweiten Preisträger über. Papst Johannes Paul II. war es nämlich, der mit dem Bild von den beiden Lungenflügeln - einem westlichen und einem östlichen - die Trennung Europas durch den Eisernen Vorhang beschrieb. Für Kerner steht das Bild jedoch für einen weiteren europäischen Dualismus. „Fides et Ratio, also Glaube und Vernunft, lautet der Titel einer Enzyklika von Johannes Paul II”, sagte Kerner. Dies sei für Europa das wichtigste Vermächtnis des „konservativen Rebellen” Johannes Paul, der 2005 den außerordentlichen Karlspreis erhielt. „Für ein Europa, das nicht nur politische, sondern auch geistige Einheit sein will, ist nicht nur rationale Welterklärung, sondern auch spirituelle Sinnsuche notwendig”, erklärte Kerner.

Das sei kein Plädoyer für eine bestimmte Religion, es bedeute lediglich, dass sich die großen Fragen der Menschen immer noch stellen. Dies müsse das künftige Europa berücksichtigen. Nachdem Kerner seinen Parforceritt durch die polnische Karlspreis-Geschichte beendet hatte, rief er seine Zuhörer dazu auf, der nächsten Generation eine europäische Vision mit auf den Weg zu geben.

Ruhiger aber keinesfalls uninteressanter war der Vortrag des polnischen Botschafters im Forum der IHK. Marek Prawda referierte über die Rolle Polens in der EU. „In den 80er Jahren war Polen für viele ein Warteraum. Das hatte sich nach dem politischen Umbruch gewandelt. Alles schien möglich, was aus heutiger Sicht natürlich ein wenig naiv wirkt”, berichtete Prawda, der Mitglied der Solidarnosc war. Die Zustimmung zur EU sei seit dem Beitritt 2004 bei seinen Landsleuten spürbar gewachsen. In der EU sieht der promovierte Soziologe die Rolle Polens vor allem als Vermittler in den Osten. „Wir Polen fühlen uns als Repräsentanten der EU gegenüber den Ländern im Osten.” Dies auch im Verhältnis zu Russland, für das Prawda nach dem Unglück von Smolensk, die große Chance auf Entspannung sieht.
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