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Überzeugter Europäer: Graf von Stauffenberg mit Kritik an Integration

Von: Amien Idries
Letzte Aktualisierung:
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Zum Schluss wurde es lebendiger (v.l.): Graf von Stauffenberg, Bernd Mathieu, Jasko Celebic und Thomas Woodhouse. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Erst als er sich den Fragen der Schüler stellte, schien Franz Ludwig Schenk Graf von Stauffenberg ein wenig im Aachener Geschwister-Scholl-Gymnasium angekommen zu sein. Da wurden mit der Situation in der Ukraine, dem Freihandelsabkommen TTIP und dem Aufstreben europaskeptischer Parteien Themen behandelt, die näher dran sind an der Lebenswelt der Gymnasiasten.

Zuvor hatte Stauffenberg, langjähriger Bundestags- und Europaabgeordneter der CSU, eine Rede gehalten, in der er sich als überzeugter Europäer zeigte, aber durchaus Kritik an der derzeitigen Form der Integration benannte. Das Problem: Der 76-Jährige hielt bei der Veranstaltung im Rahmenprogramm der Karlspreisverleihung einen in vielen Passagen arg akademischen Vortrag, dem wohl nur die gut vorbereiteten Gymnasiasten wirklich folgen konnten.

Nicht so am Anfang, wo der Sohn des von den Nationalsozialisten ermordeten Hitler-Attentäters Stauffenberg das über allem stehende Ziel und den Erfolg der europäischen Einigung benannte: Frieden. Am Geburtstag von Sophie Scholl schilderte Stauffenberg, wie er als Siebenjähriger nach Kriegsende und der Entlassung aus dem Kinderheim, in das ihn die Nazis gesteckt hatten, durch das zerstörte Deutschland fuhr und erstmals von den Nazi-Gräueln vernahm. „Seit dieser Zeit habe ich persönlich nie mehr Krieg oder Willkür erfahren, was eng mit der europäischen Einigung zusammenhängt“, sagte Stauffenberg und forderte die Schüler, die er mit „meine Damen und Herren“ ansprach, eindringlich auf, täglich den Willen zum Frieden zu zeigen.

Ab dann aber wurde es heikel und sperrig. Etwa als Stauffenberg – abgeleitet vom Gottesbezug im Grundgesetz – den Glauben an Gott als grundlegenden europäischen Wert bezeichnete und im Verlauf eine direkte Linie vom Atheismus zum Totalitarismus von Hitler und Stalin zeichnete.

Oder als er versuchte, Freiheit gegen Demokratie auszuspielen, und die freiheitliche Demokratie als „amalgamierten (!)“ Superwert bezeichnete. „Demokratie ist kein Wert an sich“, sagte er und sprach ihr nur eine Berechtigung als Diener der Freiheit des Einzelnen zu. Dass jede Gesellschaft die Freiheit des Einzelnen beschneiden muss, sobald sie droht, die Grenzen des Anderen zu verletzen, erwähnte er nicht.

Erst in der abschließenden Diskussion, in der vier Schüler mit Unterstützung von Bernd Ma­thieu, Chefredakteur unserer Zeitung, Fragen stellten, wurde es dann konkreter. In Sachen Ukraine warnte der Ex-Politiker vor vorschneller Parteinahme. Die Lage sei sehr undurchsichtig. Die EU tue sich prinzipiell schwer, mit einer Stimme zu sprechen. Das liege auch an den Erweiterungsrunden, die sie an die Grenzen ihrer Integrationsfähigkeit gebracht hätten. Außerdem leide sie unter einem Demokratiedefizit.

„Wir brauchen EU-Politiker, die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und vor ihren Wählern Rechenschaft ablegen“, sagte der Jurist. „Das müssen Sie von der EU fordern.“ Zumindest das dürften die Schüler verstanden haben.

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