Suche nach dem Weg aus der Euro-Vertrauenskrise

Von: René Benden
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Karlspreis diskussion
Engagierte Diskussion zur Situation des Euro: Schülerin Anne Stumpen, Europapolitiker Herbert Reul, AZ-Chefredakteur Bernd Mathieu, Finanzexperte Max Otte und Schülerin Ana Gloria Cabello Hernández. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Hat der Euro die Schuldenkrise der Südeuropäer verschlimmert? Warum müssen deutsche Steuerzahler für die Schulden anderer Euroländer geradestehen? Brauchen wir den Euro? Es war ein komplexes Thema, an das sich die Oberstufenschülerinnen und Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums herangewagt hatten.

Im Rahmenprogramm der Karlspreisverleihung debattierten sie mit dem Europaabgeordneten Herbert Reul (CDU) und dem Finanzexperte Max Otte über Perspektiven, vor allem aber über die derzeitigen Probleme des Euro. Ergebnis: Wir brauchen den Euro. Aber, es gibt keinen einfachen, eindeutigen Ausweg aus der Vertrauenskrise, die die europäische Gemeinschaftswährung gerade bei vielen Europäern durchleidet. Nur einen verschlungenen Pfad, auf dem man lediglich hoffen kann, dass man ans gewünschte Ziel gelangt, sobald man ihn betreten hat.

Der Europaabgeordnete Herbert Reul berichtete, dass es eben jene Undurchschaubarkeit der europäischen Finanzkrise sei, die ihm Sorge bereite: „Es ist schwer zu transportieren, worin die Probleme des Euro begründet sind.” Kein Wunder, wie will man dem deutschen Steuerzahler in wenigen Worten klarmachen, dass er für griechische Schulden bürgen muss, auch weil vor einiger Zeit in den USA hunderttausendfach Häuser ihren Wert verloren haben. Eben jene Undurchschaubarkeit schürt derzeit antieuropäische Ressentiments auf dem ganzen Kontinent.

Doch mit der vermeintlich einfachen Antwort, die in dem Wunsch nach Abgrenzung und einem starken Nationalstaat ihren Ausdruck findet, wollten sich die Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums nicht zufrieden geben. Sie wollten den Dingen auf den Grund gehen. Anne Stumpen und Ana Gloria Cabello Hernández unterstützt vom Chefredakteur der Aachener Zeitung, Bernd Mathieu, hakten nach.

Warum beispielsweise zeigen die milliardenschweren Rettungsprogramme für Griechenland nicht die gewünschte Wirkung? Max Otte, der Berühmtheit erlangte, weil er bereits 2006 in seinem Buch „Der Crash kommt. Die neue Weltwirtschaftskrise und wie sie sich darauf vorbereiten” beschrieb, was 2008 bittere Realität wurde, sagt, dass Geld allein die griechischen Probleme nicht lösen werde. „Wir brauchen strukturelle Veränderungen in Griechenland, aber auch in der Organisation der globalen Finanzmärkte”, fordert Otte.

Die Banken, die eine wesentliche Mitschuld an den finanziellen Turbulenzen trügen, in denen sich die Hellenen derzeit befinden, müssten endlich mit in die Verantwortung genommen werden. „Griechenland muss derzeit sehr viel Geld an Banken und Investmentbanker zahlen, anstatt es in die Infrastruktur des eigenen Landes stecken zu können.”

In dieser Forderung sind sich Finanzexperte Otte und Europapolitiker Reul einig. Doch was den Verbleib der Griechen in der Eurozone anbelangt gehen ihre Meinungen weit auseinander. Otte fordert den Austritt aller angeschlagenen Euro-Länder aus der Gemeinschaftswährung und die Rückkehr dieser Länder zu ihren nationalen Devisen.

„Mit einer eigenen Währung und einer souveränen Finanzpolitik können beispielsweise die Griechen viel besser auf ihre Probleme reagieren. Derzeit bekommen sie ein Spardiktat von den anderen Eurostaaten aufgezwungen. Das ist undemokratisch”, sagt Otte. Durch einen Ausstieg der verschuldeten Staaten würde auch der Euro entlastet, wenngleich die anderen EU-Länder weiterhin finanziell für die Schuldenländer einspringen müssten.

Europapolitiker Reul hält den Ausschluss einiger verschuldeter Staaten aus der Euro-Zone für ein fatales Zeichen. Der Euro sei ein wichtiger Teil des europäischen Integrationsprozesses. „Die Globalisierung fordert von den EU-Mitgliedsstaaten mehr Zusammenarbeit. Der Ausschluss einiger Euro-Staaten wäre ein Schritt genau in die falsche Richtung”, warnt Reul.

Wer hat Recht, Reul oder Otte? Die Schülerinnen und Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums mussten sich damit zufrieden geben, dass diese Frage derzeit nicht seriös zu beantworten ist. Es gibt schlicht keine Erfahrungswerte mit Ländern, die aus einer Gemeinschaftswährung aussteigen. Möglich wäre tatsächlich, dass die Griechen mit einer souveränen Finanzpolitik ihre Liquiditätsprobleme besser in den Griff bekommen. Möglich wäre aber auch, dass die Drachme massiv abgewertet würde und somit der Rohstoffimport für die Hellenen unbezahlbar würde. Damit wäre die ohnehin schwächelnde griechische Wirtschaft am Ende. Und das würde die Europäer viel teurer zu stehen kommen, als die Rettungspakete.

Die Skepsis die dem Euro entgegengebracht wird, hat aber noch einen anderen Grund, der nichts mit der Finanzkrise zu tun hat. Die Gemeinschaftswährung hat kaum emotionale Bindung. Ana Gloria Cabello Hernández, 18-jährige Gymnasiastin mit spanischen Wurzeln sagt, dass die spanische Pesete für sie ein Stück spanisches Kulturgut sei. „Mit dem Euro kann ich so etwas nicht verbinden.” Sie und ihre Mitschülerin Anne Stumpen warfen insbesondere der Politik vor, zu selten die Vorzüge des Euro in den Vordergrund zu stellen. Ebenso fehlten den beiden Schülerinnen derzeit transparente Konzepte, in denen Ursachen und Lösungen der Finanzkrise benannt würden.

Der Euro also in einer tiefen Krise? „Nein” , widersprach Otte. „Nicht der Euro ist in einer Krise, sondern einige Länder haben ein massives Schuldenproblem. Das muss man unterscheiden.” Der Euro sei auch in der Krise stabil geblieben und habe sich vor allem für Unternehmen im innereuropäischen Handel einen unschätzbaren Wert. „Verluste durch schwankende Wechselkurse gibt es dank des Euro nicht mehr”, so Otte. Allein schon aus diesem Grund sei der Euro für eine Exportnation wie Deutschland ein enormer Fortschritt. Darin waren sich Otte und Reul einig.

Und in einem weiteren Punkt deckten sich die Ansichten des Europapolitikers und des Finanzexperten. „Bislang sind Regierungen, die sparen wollten, stets abgewählt worden, weil sie den Wählern kleine Versprechen gegeben haben”, sagte Reul. Die Beispiele Griechenland, Portugal und Irland zeigten aber nun in dramatischer Form, wohin permanente Schuldenanhäufung führen würde. „Vielleicht haben wir die Chance, aufgrund dieser Beispiele eine ehrlichere Finanzpolitik zu machen, die sich nicht mehr permanent auf Kosten der nachfolgenden Generationen verschuldet”, hofft Europapolitiker Reul. Eine Hoffnung, die er mit vielen jungen Menschen im Geschwister-Scholl-Gymnasium teilte.

Renommierte Gäste im Aachener Gymnasium

Max Otte ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule in Worms. Außerdem leitet er das von ihm gegründete Institut für Vermögensentwicklung in Köln und ist unabhängiger Fondsmanager. Bereits 2006 prognostizierte er den Crash der globalen Finanzmärkte, der 2008 tatsächlich eintrat. Seither ist er gern eingeladener Gast in TV-Talkshows und anerkannter Buchautor.

Herbert Reul ist vielen noch als Generalsekretär der nordrheinwestfälischen CDU bekannt. Fast 20 Jahre lang war er Abgeordneter des NRW-Landtages, bevor er 2004 ins Europaparlament gewählt wurde. Dort ist er Experte für Energie und Industrie. In den vergangenen Wochen hat er stets für eine sachliche Diskussion über den deutschen Energiemix geworben. Dem schnellen Atomausstieg steht er skeptisch gegenüber.
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