Aachen - Linden absolviert seinen letzten Karlspreis

Linden absolviert seinen letzten Karlspreis

Von: Alfred Stoffels
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Der Abschied: Zum letzten Mal hängte Oberbürgermeister Jürgen Linden (rechts) einem Karlspreisträger die Medaille um. Andrea Riccardi aus Italien war es, seine Premiere feierte der OB 1990 mit dem Ungarn Gyula Horn. Foto: Harald Krömer

Aachen. Der Oberbürgermeister von Aachen sprach ungefähr folgendermaßen: Liebe Leute, hier in unserem schönen Krönungssaal habe ich jetzt viele Ehrengäste zu begrüßen, was ich natürlich gerne tue, aber um den Fall nicht unnötig in die Länge zu ziehen, wäre es sinnvoll, nicht nach jeder Namensnennung zu klatschen, sondern am Ende einen Gesamtapplaus zu fabrizieren.

Protokollgemäß wurde als erster der Präsident des Europaparlaments willkommen geheißen - prompt erhob sich der Beifall. Jürgen Linden, immerhin vor erlauchtem Publikum und unzähligen Kameras in einer Art Staatsakt begriffen, sagte: „Das müssen wir noch üben.” Spätestens an der Stelle wurde deutlich, dass der Mann am Mikrofon gewillt war, den Himmelfahrtstag 2009 als den etwas anderen Termin in die Geschichte der Verleihungszeremonien eingehen zu lassen. Mit Grund natürlich.

Für Linden war es der letzte Karlspreis in seiner Funktion als Stadtoberhaupt. Souverän wie immer sein Auftritt als Gastgeber, den Stellenwert des Ereignisses stets im Blick, aber diesmal gepaart mit einer auffallenden Lockerheit auch dann, wenn die „schweren”, die nur ernsthaften Bestandteile des mittlerweile mehrtägigen Programms zu bewältigen waren. Vielleicht auch deswegen diese Fröhlichkeit, um doch ein bisschen Wehmut und Abschiedsgefühle zu überspielen?

Auszuschließen ist das nicht, denn immerhin hat Linden am vergangenen Donnerstag seinen 21. Karlspreis als Rathauschef absolviert. Zum ersten Mal schüttelte er in dieser Eigenschaft im Jahr 1990 einem Preisträger die Hand, nachdem der Sozialdemokrat wenige Monate zuvor mit rot-grüner Ein-Stimmen-Mehrheit zum OB gewählt worden war. Ausgezeichnet wurde damals der ungarische Außenminister Gyula Horn.

Linden erinnert sich: „Ich war unglaublich nervös, in der Nacht vorher habe ich kein Auge zugetan. Beim Gang ans Pult zitterten mir die Knie, aber es ist alles gut gegangen.” Das ist es seither immer, längst schläft er auch ordentlich vor dem Festakt.

Routine ist der Vorgang aber nie geworden, schon deswegen nicht, weil Qualität und Prominenz der Preisträger nicht selten eine außerordentliche ist - „man begegnet Persönlichkeiten hautnah, die man sonst nie treffen würde”. Vom spanischen König über den amerikanischen Präsidenten bis zum Papst. Das war Johannes Paul II., der 2004 einen „außerordentlichen” Karlspreis entgegennahm, allerdings in Rom. Als Linden mit seiner Frau vom Vatikan über den Petersplatz zurück ins Hotel wanderte, fasste er die Unwahrscheinlichkeit dieser Zusammenkunft zwischen Seiner Heiligkeit und einem Öcher Jong so zusammen: „Maria, wer hätte das gedacht.”

Der Karlspreis hat dem OB von Aachen viele persönliche Freundschaften eingetragen, insbesondere mit Cox, mit Juncker, mit Havel, mit Simone Veil. Und Clintons im Jahr 2000 auf dem glühend heißen Katschhof gehaltene Rede nennt Linden heute noch „visionär”.

Gab es Fehlbesetzungen im Lauf der Jahre? Das Wort würde Linden nie in den Mund nehmen, aber er wäre durchaus bereit, den einen oder anderen Kritikpunkt am einen oder anderen Kandidaten zu billigen. Aber: „Auch beim Einkauf eines Mittelstürmers kann man nicht immer sicher sein, dass er alle Erwartungen erfüllt.”

Im Gegensatz zu einem Fußballverein hat das Karlspreisdirektorium noch nie einen Korb bekommen; die Anfragen bei den designierten Preisträgern verliefen durch die Bank stressfrei und endeten mit dem erhofften Ja. Ein wenig in der Warteschleife hingen die Aachener nur bei Valry Giscard d´Estaing, dessen Gattin am Telefon beschied, der Gemahl sei auf der Jagd. Auweia - Hinhaltetaktik zwecks Hinauszögern der Absage? Wusste der französische Ex-Präsident überhaupt, was der Karlspreis ist? Dann der Rückruf: Giscard wusste - und nahm die Ehre natürlich an.

Wer hätte gut in die Riege der Preisträger gepasst, ging aber leer aus? Willy Brandt, sagt Linden, Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher. Und Michail Gorbatschow natürlich, „schade”. Wobei: Schmidt und Genscher reüssierten immerhin beim tierischen Ernst.

Nach wie vor ist der Karlspreis für den OB „die politische Auszeichnung”, und folgerichtig sei es in diesem Jahr kein Politiker geehrt geworden - „in der aktuellen Krise fehlen die großen Führer”. Auch deshalb hielt Linden am Donnerstag wohl seine politischste Karlspreisrede. Kernsätze: „Der freie Finanzmarkt hat zu viele Menschen ausgenutzt, Profitsucht von Wenigen die Arbeit und Existenz von Millionen gefährdet. Es ist unerklärlich, dass die Welt diesem Treiben jahrelang nur zugeschaut hat.”

Ein anderer OB wird 2010 die Festversammlung begrüßen und den Preisträger betötteln - und Jürgen Linden sitzt im Publikum? Er sagt: „Ich hoffe, dem Karlspreis in irgendeiner Form erhalten zu bleiben und für ihn arbeiten zu können.”

Die Prophezeiung sei gewagt: Das wird nicht von der zweiten Reihe aus sein.
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