„Europa kann auch scheitern? Ich hoffe nicht.”

Von: René Benden
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Glückwünsche an den Karlspreisträger: Eine Zuschauerin schenkt dem polnischen Premierminister Donald Tusk ein Herz mit der Aufschrift „Viel Glück”. Die Gäste der Karlspreisverleihung wünschen sich selbst derweil, dass in die krisengeschüttelte EU wieder Ruhe einkehrt. Andreas Hermann

Aachen. Erschreckend, geradezu unglaublich war es, was Angela Merkel da gerade gesagt hatte. „Scheitert der Euro”, hatte die Bundeskanzlerin gesprochen, „dann scheitert nicht nur das Geld. Dann scheitert mehr.

Dann scheitert Europa. Worte der Kanzlerin, die das Weltbild von Ramona Fendeisz gehörig ins Wanken brachten. „Das bedeutet ja, dass sie nicht garantieren kann, dass Europa diese Krise meistert”, sagt die 23-jährige Studentin und blickt betroffen in den Kreis ihrer Kommilitoninnen. „Europa ohne die EU, das kann ich..., nein, das will ich mir nicht vorstellen.”

Was bedeutet uns Europa?

Fendeisz studiert wie Lilit Baghdasaryan, Bibi Sabina Ollig und Marie-Lucie Linde den Masterstudiengang Europastudien an der RWTH in Aachen. Europa ist sozusagen ein wesentlicher Bestandteil des Alltages der vier jungen Frauen. Die Verleihung des Karlspreises an den polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk: Das sollte für die RWTH-Studentinnen eigentlich die Gelegenheit sein, das feierliche Ambiente der Zeremonie mit versammelter europäischer Politprominenz zu erleben.

Und dann das - die Kanzlerin sieht Europa nicht nur in der schwersten Krise seit Unterzeichnung der Römischen Verträge. Sie räumt auch noch ein, dass Europa scheitern kann. Fairerweise sei gesagt, dass Merkel im Rest ihrer Rede keine Zweifel daran aufkommen ließ, dass Europa diese Krise meistern wird. Es sei eine historische Stärke der Europäer, aus Krisen gestärkt hervorzugehen, so Merkel. Der neue Karlspreisträger Tusk verwendete gar nur zwei Sätze auf die aktuelle EU- und Euro-Krise. Dennoch - bei den vier Studentinnen gab es Redebedarf darüber, wohin der Weg die Europäische Union führt, wo Chancen sind, wo Gefahren lauern und vor allem, was Europa den Bürgern bedeutet.

Für Karlspreisträger Tusk war Europa lange Zeit nur ein Traum, eine Vision. Als heranwachsender Junge, erzählte der polnische Premier am Donnerstag, habe er europäisches Flair erstmals auf den Friedhöfen seiner Stadt Danzig kennengelernt. Klingt morbide, ist es vielleicht auch. Doch auf den Friedhöfen las der junge Tusk Grabsteininschriften in allen europäischen Sprachen. Andenken an Tote aus sämtlichen europäischen Ländern, die zu Lebzeiten irgendwann nach Danzig gekommen waren.

Tusk verstand damals, dass die Zeit im Fluss ist und dass es jenseits des stählernen sowjetischen Vorhangs ein Europa gab, das Freiheit versprach und auf das es sich zu hoffen lohnte. Er durchlebte mit der Solidarnosc-Bewegung den langen, mühsamen, mitunter gefährlichen Weg Polens in die Demokratie. „Und dass Polen heute Teil der EU ist und die EU Teil Polens, das ist unser großes finales Ziel gewesen”, sagte Tusk.

Doch wie lassen sich diejenigen für das freie Europa begeistern, die nicht wie Tusk die Erfahrungen der Unfreiheit gemacht haben? In diesen Tagen, in denen die Schulden Griechenlands zum europäischen Problem geworden sind, spüren viele nicht Freiheit, sondern die Last der Gemeinschaft. In den Augen der 23-jährigen Marie-Lucie Linde liegt das vor allem an einem massiven Marketing-Problem der EU: „Man muss den Leuten auch einmal erklären, welche Vorteile sie durch die Währungsunion haben.” Erst jetzt, weil der Euro und die EU durch die Griechenland-Krise skandalisiert würden, seien sie wieder ein Dauerthema in den Medien - allerdings ein negatives.

Aber wie kann Europa in diesen Tagen wieder in die positiven Schlagzeilen kommen? Die vier jungen Frauen zweifeln daran, dass die Karlspreisverleihung dabei eine große Hilfe ist. „Das ist schon eine sehr elitäre Veranstaltung”, sagt Bibi Sabina Ollig. „Ich fürchte, dass damit dem Vorurteil, Europa sei ein Projekt der Eliten und nicht der Bürger, Vorschub geleistet wird.” Wenig Verständnis haben die vier Studentinnen dafür, dass im Krönungssaal kaum junge Menschen zu finden sind. „Alle Redner haben betont, dass die jungen Leute die Zukunft Europas sind. Da frage ich mich schon, warum man von diesen jungen Leuten hier niemanden findet”, sagt Linde.

Die Antwort ist schon da

Der Vorwurf ist berechtigt. Denn während Merkel und Tusk wenig Konkretes darüber sagen konnten, wohin der europäische Weg in den nächsten Jahren führen wird, sind die vier jungen Frauen bereits Teil einer Antwort. Ramona Fendeisz zog im Alter von vier Jahren aus Rumänien nach Deutschland. Sie ist in der deutschen wie in der rumänischen Kultur verwurzelt. Marie-Lucie Linde ist zweisprachig, deutsch-französisch, aufgewachsen.

Bibi Sabina Ollig hat deutsch-mauretanische Wurzeln und Lilit Baghdasaryan ist Armenierin, die nun als Studentin in Deutschland die EU aus der Innenperspektive kennenlernt. Selbst für ihre Altersgenossen ohne multikulturelle Erfahrungen haben die innereuropäischen Grenzen nur noch eine relative Bedeutung. Es ist eine Generation, für die die EU eine absolute Selbstverständlichkeit ist.

In einem europäischen Land studieren und später in einem anderen arbeiten, das ist für diese Frauen und Männer ein gängiger Lebensentwurf. Die EU hat eine junge Generation sozialisiert, für die Grenzkontrollen innerhalb Europas fast unvorstellbar geworden sind, für die eine gemeinsame Währung eine Selbstverständlichkeit ist. Das wird von einer Finanzkrise wohl kaum verworfen werden.

Die EU ist gewachsen, so sehr, dass diese Generation sie nur noch wahrnimmt, wenn man sie infrage stellt. So wie die Kanzlerin, als sie sagte, dass Europa auch an dieser Krise scheitern könne. „Ich glaube nicht, dass das passiert”, sagt Linde. „Das wäre ein Chaos. Ich hoffe nicht, dass das passiert.” Die anderen drei nicken.
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