Frankfurt/Main - Euro-Lehrstunde zwischen Tür und Angel

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Euro-Lehrstunde zwischen Tür und Angel

Von: Marco Rose
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Frankfurt/Main. Da steht er nun und sagt leise aber bestimmt Ja. Ob denn schon jemals ein Kandidat noch in letzter Sekunde Nein zum Karlspreis gesagt habe, will Jean-Claude Trichet wissen.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) schaut herausfordernd bis amüsiert in die Runde. Natürlich nicht. Trichet weiß das.

Die offizielle Antragung der Auszeichnung gehört ebenso zum klassischen Karlspreis-Zeremoniell wie die obligatorische Frage nach dem Wetter am Himmelfahrtstag. Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp und der Sprecher des Karlspreisdirektoriums, Jürgen Linden, rücken nebst vielköpfiger Entourage zum ersten Kennenlernen an. Einzelheiten zum Ablauf der Verleihung werden dabei besprochen, auch die Frage nach der Laudatio gehört traditionell dazu. Details behalten Philipp und sein Amtsvorgänger Linden allerdings für sich - auch das ist an diesem Tag wenig überraschend. „Sehr glücklich” sei man mittlerweile über die Wahl des neuen Karlspreisträgers, sagt Linden nach dem knapp einstündigen Gespräch der wartenden Presse. „Im richtigen Moment haben wir die richtige Entscheidung für den richtigen Preisträger getroffen.”

Alles richtig gemacht also. Oder vielleicht lediglich Glück gehabt? Angesichts der Entwicklung in der Euro-Krise könnte man dies meinen. Doch mit Glück, so betont Trichet, hat die relative Entspannung in den vergangenen Wochen nichts zu tun. Schließlich habe sich der Euro allen Unkenrufen zum Trotz als stabil bewiesen. Nicht der Euro sei in der Krise, sondern einzelne Mitgliedsstaaten der Euro-Zone. Die Gemeinschaftswährung hingegen, so sagt Trichet, sei glaubwürdig und „insgesamt stabiler als die D-Mark zu ihren besten Zeiten”.

Der Franzose ist für einen Notenbanker ein erstaunlich politischer Kopf, doch wenn es um Inflationsraten und Eurokurse geht, beweist er sich als Mann der Zahlen: Quasi zwischen Tür und Angel rechnet er den Journalisten in Frankfurt vor, warum der Euro soviel besser ist als sein Ruf.

Das geht ungefähr so: In den vergangenen zwölf Euro-Jahren betrug die Inflationsrate im gemeinsamen Währungsgebiet 1,97 Prozent, in Deutschland sogar nur 1,5 Prozent. In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verzeichnete die Bundesrepublik dagegen eine Teuerungsrate von 2,2 Prozent, in den 80ern sogar noch von 2,8 Prozent. Schön und gut - doch nun sind die Probleme da. Kann sich Europa tatsächlich noch auf den Euro verlassen?

„Nur wenn die Mitgliedsstaaten an einem Strang ziehen”, sagt Trichet, ohne konkret auf Problemfälle wie Griechenland oder Portugal einzugehen. Denn wenn es eine Lehre aus der Krise gebe, dann wohl die, dass es ohne klare Regeln für die Wirtschaftspolitik in der Zukunft nicht mehr weitergehe. Damit ist Trichet bei einem Thema, das die Karlspreisveranwortlichen elektrisiert: seiner Vision der „Vereinigten Staaten” von Europa, die er zuletzt schon der „Zeit” mit den Worten erklärt hatte: „Ich bin davon überzeugt, dass wir weitergehen sollten als geplant.”

Genug Diskussionsstoff für eine Karlspreisverleihung also, die ein Zeichen setzen will - für den Euro.
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