Aachen - Eurafrika und das Glück der Großzügigkeit

Eurafrika und das Glück der Großzügigkeit

Von: Peter Pappert
Letzte Aktualisierung:
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Ein Platz, an dem sich Andrea Riccardi wohlfühlt, „denn Hochschulen sind Orte, wo neue Ideen entstehen”: der Karlspreisträger im Hörsaal der RWTH Aachen; im Hintergrund TH-Rektor Ernst Schmachtenberg. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Er ist ein gläubiger Christ, ein Mann des stillen Engagements, ein bescheidener Diplomat. Aktion und Kontemplation, Arbeit und Gebet kennzeichnen Andrea Riccardi und die von ihm gegründete Gemeinschaft Sant´Egidio. Das alles war weitgehend bekannt.

Jetzt lernt man den neuen Karlspreisträger an seinem ersten Tag in Aachen auf einmal von einer ganz anderen Seite kennen: als eloquenten und witzigen Redner und Gesprächspartner, dem es wiederholt gelingt, das Auditorium herzhaft zum Lachen zu bringen.

Im Hörsaal der RWTH Aachen appelliert er an die Studenten; sie seien „der europäischste Teil unserer Gesellschaft”. Und sie müssen nach Riccardis Überzeugung „Träger neuer Ideen für Europa” sein. „Denn wir sind zu oft nur Brillenträger. Wir haben einen kurzsichtigen Blick, sehen nur uns selbst, unsere Probleme, unsere kleine Welt.” Und Riccardis kurzsichtige Brillenträger fahren Boot - bequem und reich ausgestattet - „im großen Ozean der Geschichte” und der globalen Probleme. „Deutschland ist eine schöne große Yacht. Aber ist es überhaupt noch eine Yacht? Das italienische Boot ist mehr kaputt, später gestartet, aber findet den kürzeren Weg.” So oder so hält Riccardi aber von dieser Regatta nichts. „Europa muss unser Schiff sein.”

Vom Glauben inspiriert

Riccardi schafft, was anderen oft nicht gelingt: junge Leute mit dem Thema Europa zu packen. Was er sagt, ist spürbar von seinem christlichen Glauben inspiriert, aber es ist alles andere als frömmelnd oder weltabgewandt - im Gegenteil. Am deutlichsten ist das zu spüren, wenn Riccardi über Afrika spricht, „wo eine Hälfte von Sant´Egidio lebt”. Er erzählt vom Afrika der Kriege und Krankheiten, vom Kontinent der Zukunft und von seiner großen Vision, die weit über die der europäischen Integration hinausgeht, von einer gemeinsamen Zukunft, die für ihn „Eurafrika” heißt.

Daran gibt es für den Karlspreisträger 2009 keinen Zweifel: Europa hat ohne Afrika - und als verschlossene Festung - keine Chance. „Die Flüchtlinge kommen, weil sie in Afrika keine Zukunft mehr sehen. Wir sind zum Engagement verpflichtet. Und wir dürfen es nicht zulassen, dass Länder wie Somalia Beute der Mafia werden.”

Riccardi weiß um die Not, die die Wirtschaftskrise auch hierzulande auslöst. Trotzdem appelliert er an das Gewissen jedes einzelnen. Es gebe auch die Sorge, sich kein neues Auto kaufen oder keinen Urlaub machen zu können. „Wer denkt da schon an Afrika?” Riccardi setzt auf die Botschaft Jesu und auf eine bessere Kirche. „Das muss mit uns beginnen. Wir haben die große Macht in der Kirche, anders zu leben, die Ärmsten zu lieben. Das kann mitreißend sein. Hören wir auf das Evangelium, dann wird es mehr Freunde der Armen geben.”

Riccardi warnt insbesondere junge Menschen vor Ängstlichkeit, davor, nur um sich selbst, um die eigene Zukunft und die eigene Arbeit besorgt zu sein. „Wer für andere lebt, dem geht es besser”, sagt er; das sei auch die Idee von Sant´Egidio. Sein nächster Satz geht im Applaus fast unter: „Um glücklich zu sein, muss man großzügig sein.”

Andrea Riccardi selbst ist großzügig - mit Dank und mit Komplimenten. Das merkt jeder an der Art, wie der Professore mit den Fragestellern spricht oder wie er seinen „großen persönlichen Freund Bischof Heinrich Mussinghoff” begrüßt. Oder wenn er über den im Oktober nach 20 Jahren aus dem Amt scheidenden Aachener Oberbürgermeister Jürgen Linden sagt: „Er sollte dann nach Rom kommen und dort einiges in Ordnung bringen.”
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