Aachen - Ein schwerfälliger Dialog der Religionen

Ein schwerfälliger Dialog der Religionen

Von: Ralph Allgaier
Letzte Aktualisierung:
peter_bild_unten
Sie gingen in Aachen aufeinander zu: Oberrabiner David Bordman (l.) und Mohammed Amine Smaili, Theologe aus Rabat Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Der Karlspreisträger machte es möglich: Beim Karlspreis-Europa-Forum kam es am Mittwoch in Aachen auf Vorschlag von Andrea Riccardi zu einer Begegnung markanter Vertreter der drei abrahamitischen Religionen.

Der katholische Erzbischof von Cape Coast in Ghana, Peter Kardinal Turkson, saß im Ratssaal zusammen mit David Brodman, Oberrabiner von Savyon in Israel und dem Muslimen Mohammed Amine Smaili, Theologieprofessor an der Universität Mohammed V., im marokkanischen Rabat.

Aneinander vorbei geredet

Es war ein eindrucksvolles Zeichen für die Bereitschaft zum interreligiösen Dialog, zur offenen und vertrauensvollen Auseinandersetzung über strittige Fragen. Es zeigte sich aber auch, wie viel Geduld man bei einem solchen Prozess des Aufeinanderzugehens braucht.

Die drei Referenten redeten letztlich aneinander vorbei, gingen kaum näher ein auf das, was die anderen Podiumsteilnehmer vorbrachten. Zum anderen taten sie sich spürbar schwer zu beantworten, was ihnen Ex-WDR-Redakteur und Moderator Kurt Gerhardt als Frage gestellt hatte: Was erwartet die Welt von Europa?

Mag sein, dass die drei Theologen zu höflich waren, um sich deutlicher zu äußern. Es blieb aber auch der Eindruck, dass man sich in seinen unterschiedlichen Mentalitäten noch viel mehr kennenlernen muss, um wirklich fruchtbar miteinander ins Gespräch zu kommen.

Echte Impulse gingen erst von der Debatte im Auditorium aus, in der etwa der CDU-Europapolitiker Elmar Brok mahnte, dass Europa Entwicklungszusammenarbeit viel stärker auch als Sicherheitspolitik betrachten müsse. Den Flüchtlingsstrom über das Mittelmeer werde man nur dann bremsen, wenn Europa den Emigranten echte Lebensperspektiven in ihrer Heimat biete. „Und wir müssen den Mut haben, jene Diktatoren in Afrika beim Namen zu nennen, die genauso viel Unheil angerichtet haben wie die einstigen Kolonialherren”, sagte Brok.

Lebhaft und durchaus kontrovers hatte die Versammlung am Morgen über die Finanzkrise diskutiert. Klaus Gretschmann, Generaldirektor des Rats der EU in Brüssel, konstatierte, Europa habe im Wettstreit um das geeignete Wirtschaftssystem gegenüber den USA die Nase vorn. „Die Angloamerikanisierung unserer kontinental europäischen Wirtschaftssysteme scheint mit der Krise gestoppt.” Europa habe die Turbulenzen an den Finanzmärkten unter Kontrolle, dämme ihre Folgewirkungen erfolgreich ein.

Es gehe nun darum, den ordnungspolitischen Grundprinzipien der Sozialen Marktwirtschaft wieder Geltung zu verschaffen. Denn: „Wir haben keine Krise unseres Marktsystems sondern des spekulativen Finanzkapitalismus.” Höchste Zeit werde es, so Gretschmann, dafür zu sorgen, dass nicht mehr die Börsenbroker sondern die Realwirtschaft das Geschehen am Markt dominiere. Der eloquente EU-Wirtschaftsexperte gestand ein, dass für viele Probleme noch keine tragfähigen Konzepte existierten. Es sei jedenfalls naiv zu glauben, wegbrechende Exportquoten ließen sich einfach durch eine wachsende Binnennachfrage ausgleichen.

Kritisch bewertete Jean Pisani-Ferry, Direktor der wirtschaftswissenschaftlichen Denkfabrik Bruegel in Brüssel, die EU-Politik. Zwar zeige sich Brüssel im Angesicht trudelnder Banken und eines rasanten Abschwungs vergleichsweise „widerstandsfähig”. „Doch wir sind wesentlich stärker als erwartet von der Krise betroffen”, heftiger noch als etwa die USA, deren Wirtschaftsleistung nur um zwei Prozent gesunken sei, während es Europa (minus vier) und vor allem Deutschland (minus sieben) härter getroffen habe.

Europa habe auf diese Situation nur sehr langsam und zurückhaltend reagiert, meine Pisani-Ferry. „Die EU hat kein System des Krisenmanagements entwickelt und ist in ihren Reaktionen wenig flexibel. Wir haben nur Schönwetter-Systeme und wissen gar nicht, wie wir Rettungsschirme aufspannen sollen, wenn ein Gewitter naht.”

Der belgische Premierminister Herman van Rompuy verteidigte dagegen die moderaten Eingriffe Europas zum Abfedern der Krise. Amerika gehe mit seinem drastisch gestiegenen Haushaltsdefizit ein hohes Inflationsrisiko ein, was die EU dazu veranlasst habe, vorsichtig zu agieren. Gleichzeitig zeige sich die Gemeinschaft dank des Euros sehr stark. „Ohne die gemeinsame Währung wäre Europa nicht mehr wettbewerbsfähig.” Aktuell mache sich allerdings negativ bemerkbar, dass die EU ohne die mit dem Lissabon-Vertrag vorgesehenen institutionellen Reformen gerade in Krisensituationen nur eingeschränkt handlungsfähig sei.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert