Die große Kunst des Zusammenlebens

Von: René Benden
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Aachen. Zusammenleben, das ist eine Kunst. Denn das Leben mit anderen Menschen, die anders aussehen, anders sprechen, anders denken als man selbst, ist immer eine Herausforderung. Nicht selten wird die Gegenwart eines anderen, eines Fremden gar als Bedrohung wahrgenommen.

Dann bedarf es großen Selbstbewusstseins, dem Impuls zu widerstehen, einen Fremden den eigenen Wertvorstellungen anzupassen, um sich nicht von ihm bedroht zu fühlen.

Erst das Wissen um die eigene Identität befähigt uns, harmonisch mit dem Fremden zu leben. Der Weg dorthin ist lang und die Überwindung von Vorurteilen und Klischees erfordert guten Willen. Und deshalb ist Zusammenleben auch nicht weniger als eine Kunst, so sieht es Andrea Riccardi.

Religion als Basis

Der Karlspreisträger und Gründer der katholischen Laienbewegung Sant´ Egidio beschreibt in seinem Buch „Die Kunst des Zusammenlebens”, wie eine Kultur des Miteinanders aussehen könnte. Geprägt von der Nächstenliebe - der humanistischen Basis jeder Weltreligion - versucht Riccardi einen Weg zu zeigen, wie Menschen einer globalisierten Welt ohne Angst miteinander leben könnten. „Ein Buch das Mut macht” würdigte Aachens Bischof Heinrich Mussinghoff bei der Vorstellung der deutschen Ausgabe von Riccardis Buch vergangene Woche.

Die Welt ist voll von Beispielen, katastrophal gescheiterten Zusammenlebens. Riccardi analysiert in seinem Buch die weltweiten Konflikte, in denen die Angst vor dem Anderen, vor dem Fremden in Gewalt umschlug. Ursache des Scheiterns beim Zusammenleben sind stets die Unterschiede, die Menschen voneinander trennen: die Sprache, die Religion, die Ethnie, die Geschichte oder schlicht der Wohlstand. Alles Unterschiede, die vom Balkan bis nach Ruanda zu brutalen Verdrängungskämpfen geführt haben, bei denen es darum ging, den Anderen mit Gewalt zu entfernen, um Gleichheit herzustellen.

Das Bedürfnis nach Gleichheit wächst, je gegenwärtiger das Fremde ist. Das stellt eine globalisierte Gesellschaft wie unsere vor eine permanente Herausforderung. „Die Globalisierung ist da”, sagte der ehemalige Aachener Oberürgermeister Jürgen Linden bei der Buchvorstelllung. „Der Verteilungskampf um die Wohlstandstöpfe ist Teil unseres Alltags.” Politische Regeln, um diesen globalen Verteilungskampf zu steuern sind nicht effektiv. Und so beschreibt Riccardi in seinem Buch, dass die Antwort auf die Bedrohung durch die Globalisierung oft in einem reflexartige Rückzug auf Nationalismen besteht. Das befriedigt zwar kurzfristig das Bedürfnis, sich unter Gleichen zu fühlen, doch eine wirksame Strategie, mit der Globalisierung zu leben, sei das nicht. Denn Globalisierung hört nicht auf, nur weil man sie ignoriert.

Riccardi schlägt eine andere Lösung vor, eine die auf Toleranz und christlicher Nächstenliebe beruht. Das klingt so banal, dass der Vorwurf im Raum steht, Riccardi sei ein unrealistischer Gutmensch. Doch wer sich die Arbeit der Laienbewegung Sant´ Egidio ansieht, die Riccardi gegründet hat, erkennt, dass es authentisch ist, was der Autor fordert. Und: Dass es funktionieren kann.

Vorbild Sant´ Egidio

Riccardis Laienorganisationwendet sich seit 1968 an die Außenseiter der Gesellschaft, die Armen, die Fremden. Sant´ Egidio lebt mit diesen Menschen zusammen auf der Basis der Nächstenliebe. Mittlerweile ist die Organisation in 70 Ländern aktiv. 50.000 Mitglieder engagieren sich in sozialen Projekten und leisten Friedensarbeit. Riccardis Theorie des erfolgreichen Zusammenlebens, die er in seinem Buch beschreibt, hat Sant´ Egidio in der Praxis schon nachgewiesen. Auch wenn nicht jeder der religiösen Motivation Riccardis folgen kann, fasste Bischof Mussingoff passend zusammen: „Riccardi und Sant Egidio sind gute Lehrmeister in der Kunst des Zusammenlebens.”
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