Im Wortlaut: Laudatio von Dries van Agt auf Hans-Dietrich Genscher

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Im Wortlaut: Laudatio von Dries van Agt auf Hans-Dietrich Genscher

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Der Christdemokrat Dries van Agt war von 1977 bis 1982 Ministerpräsident der Niederlande. Wir dokumentieren seine Laudatio auf Hans-Dietrich Genscher im Rahmen der Verleihung der Martin-Buber-Plakette an dieser Stelle im Wortlaut.

Wiederum  ist diese historische Abtei Ort eines großartigen Ereignisses: die Verleihung der Martin-Buber-Plakette, heute wird sie einer der markantesten Persönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte Europas überreicht. Es ist mir eine Ehre, mich mit Lobesworten an Hans-Dietrich Genscher zu wenden. Ich tue das von Herzen gern, ja mit feuriger Überzeugung. 

Unser Laureat wurde im früh im Frühjahr des Jahres 1927 in der Nähe von Halle im damaligen Deutschland geboren. Dort besuchte er das Gymnasium. Halbwegs seiner dortigen Ausbildung  wurde er, so wie seine Altersgenossen, zum Wehrdienst berufen. Januar 1945 – der Krieg ging schon zu Ende – wurde er eingezogen. Er wurde Kriegsgefangener, wusste aber zu entwischen und nach seiner Heimatstadt Halle zurückzukehren. In Halle ging er wieder zurück in die Schule, die er eher vorzeitig verlassen musste. Nach seinem Abitur fing er an, Jura zu studieren. Im Alter von 22 Jahren machte er in Leipzig mit dem Staatsexamen seinen Abschluss.

Einige Jahre später gelang es ihm, sich über Westberlin aus der Umklammerung der sowjetrussischen Besatzungszone loszulösen; Diese war inzwischen zur Deutschen Demokratischen Republik umgewandelt. Nach einem weiteren Staatsexamen Jura in Hamburg wurde er als Anwalt sowohl beim Landesgericht wie beim Oberlandesgericht eingetragen.

Ein Glückspilz würde man glauben, aber ganz schadenfrei überstand der junge Genscher die Heimsuchungen des Krieges nicht. Eine ernsthafte Lungentuberkulose hat ihn dann zwei Jahrzehnte lang gezwungen, sich längere Zeitabschnitte in Krankenhäusern und Sanatorien aufnehmen zu lassen. In Anbetracht seiner schlimmen gesundheitlichen Beeinträchtigungen Ist es um so bemerkenswerter zu sehen, was alles der Laureat in seinem weiteren Leben für Deutschland und Europa geleistet hat.

Wer den Lebenslauf von Hans-Dietrich Genscher verfolgt, wird gleich sehen, dass er für die Politik wie geschaffen war. Schon 1946, noch keine zwanzig Jahre alt, meldete er sich bei der liberaldemokratischen Partei in Ostdeutschland und 1952 - nach seiner Flucht in den Westen – wurde er Mitglied der dortigen Freien Demokratischen Partei. Hiernach folgt ein langer Marsch, zwar mit Siebenmeilenstiefeln, durch alle Reihen dieser Partei bis hinauf zu den höchsten Stellen. Noch vor seinem vierzigsten Geburtstag wurde er Bundesgeschäftsführer der FDP, 1974 sogar Vorsitzender. Diese Stelle hatte er bis 1985 inne.


Jedoch seine Begabung und Energie sowie sein Ehrgeiz trieben ihn immer weiter. Er wollte nicht nur für seine Partei dasein, sondern auch für sein Land, für Deutschland !!! 1969 wurde Genscher Bundesinnenminister und Vizekanzler in der Regierung Brandt. Danach war acht Jahre lang im Kabinett mit Kanzler Helmut Schmidt als Minister tätig  sowie im Anschluss noch mal zehn Jahre bei Helmut Kohl. Dabei war er in allen Kabinetten der engste und nächste Vertraute des jeweiligen Bundeskanzlers.

Alles in allem war Hans-Dietrich fast ein Vierteljahrhundert hintereinander Bundesminister und das ist im ganzen demokratischen Europa wohl einzigartig. In dieser Zeit war unser Laureat fast immer Außenminister , schon ab 1974 bis zu seinem freiwilligen Rücktritt 1992. Als er diesen Posten aufgab, hatte er als solcher die längste Dienstzeit in ganz Europa!

Aber Hans-Dietrich Genscher wird nicht nur deswegen in die Geschichtsbücher eingehen. Seine Reputation erlangte er vor allem durch seine Einbindung bei dem dramatischen Umsturz bzw. Fall der Mauer,  der sich ereignete, als 1989 die Bevölkerung der DDR durch massenhafte Proteste und Demonstrationen gegen jenen sowjetischen Vasallstaat aufbrach. Tausende strömten über die Grenzen nach der Tschechoslowakei und Ungarn. Kurz danach wurde die Berliner Mauer durchbrochen. Für unseren ostdeutschen Freund Hans-Dietrich sind diese Ereignisse  wohl sehr emotional geladen gewesen. Sein entschlossenes Vorgehen hatte es schon vorher erwirkt, dass es den ostdeutschen Flüchtlingen, die in die Unterkünfte der westdeutschen Botschaften geflüchtet und dort aufgenommen waren, in den freien Westen auszuwandern.

Der Putsch in der DDR, so zeigte sich schon bald, war Teil einer Reihe oder Folge von Revolutionen innerhalb der Mitgliedsländer des Warschau-Paktes und Comecons. Die offensichtlich total verunsicherte Sowjetunion brach wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Im östlichen Teil unseres Kontinentes entwickelte sich ein Orkan, der das Sowjetreich völlig erschütterte. Die Satellitstaaten am baltisch Meer und jene in oder nahe dem Balkan erlangten ihre Unabhängigkeit. Es zweigten sich von  der Sowjetunion weitere große Staaten ab: etwa die Ukraine, Kasachstan, Armenien und Georgien. Die Sowjetunion verschwand und wurde durch die Russische Föderation ersetzt.

So ermöglichte sich plötzlich auch und keineswegs von ungefähr die Aussicht auf Deutschlands Wiedervereinigung. Im Handumdrehen geschah dies aber nicht. Manche europäischen NAVO-Verbündeten waren skeptisch! Thatcher zeigte keine Lust, Mitterrand war auch nicht gerade begeistert, auch Lubbers war widerwillig. Glücklicherweise verhielten die Amerikaner, unter der Führung von Vater Bush, sich positiv. So hatte Außenminister Genscher zusammen mit Bundeskanzler Kohl eine schwere Aufgabe, die Wiedervereinigung zu verwirklichen. Das dies letztendlich gelang, ist wohl die Apotheose des politischen Lebens von Genscher.

Diese Lobrede möchte ich nicht abschließen, ohne dem Laureaten für alle Bemühungen für sein Land und für die Verwirklichung seiner Idee der europäischen Integration zu danken und ihn zu huldigen. Die europäische Idee unterliegt heutzutage schwerer Kritik, wird ver,höhnt und diffamiert, leider auch in den gedankenlosen Niederlanden. Zum Glück gibt es noch maßgebende Befürworter wie Hans/Dietrich Genscher, die die Einsicht haben und gleichzeitig den Mut, der Kritik und der Negativität entgegen zu treten. Ehre und Lob sei Ihnen, werter Freund, hier und heute ausdrücklich ausgesprochen. Mit der Verleihung der Martin Buber- Plakette erhält Ihre unaufhaltsame dialogische Arbeit, Ihr stetiges Bemühen und Ihre besondere Leistung, über den Dialog, die wesentlichen Dinge des Lebens zu schaffen, eine besondere Krönung. Wir Niederländer sagen: „in het Quadraat“ .

In diesem Zusammenhang möchte ich denn auch  - zum Schluss meiner Laudatio - nicht Ihr unermüdliches und stilles Bestreben unerwähnt lassen, dass dazu führte, einen Freund aus der russischen Haft zu befreien bzw. diesen persönlich in Berlin zu umarmen. Mit ihm, mit diesem russischen Freund Chodorkovski ist für immer der Name Genscher verbunden: Als Freund, als ein Mensch, der für Andere da ist!

So impliziert für mich und ich denke für uns alle hier im Saal der Name, die Person Hans-Dietrich Genscher einfach gesagt: Bubersche Begegnung, die lebendige Verwirklichung von ICH und DU.


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