Aachen - Auch hier leben Kinder in echter Not und Armut

Auch hier leben Kinder in echter Not und Armut

Von: Ines Kubat
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Die Windel Jesu: ein dicker und von beiden Seiten dicht gewalkter brauner Stoff aus Kamel- oder Ziegenhaar-Wollgewebe, der fast wie ein Filz wirkt und dreifach zusammengefaltet ist. Im entfalteten Zustand ist eine Trapezform erkennbar. Foto: Karl Kampermann

Aachen. Hilflosigkeit – das ist der spontane Gedanke, der Paul Glar kommt, als er ein Bild der vier Aachener Heiligtümer betrachtet und über die Symbolik der Windel Jesu nachdenkt. Ob die Windel echt ist und von Jesus getragen wurde, das spielt für ihn eine eher untergeordnete Rolle. Viel wichtiger sei, was die Reliquien aussagen.

Und diese Botschaft kommt bei dem Sozialpädagogen an. Denn das Heiligtum sei für Glar mehr als ein Stück Wolle: Es soll daran erinnern, wie hilflos nicht nur Jesus, sondern alle Menschen zur Welt kommen und im Kindesalter ein besonderes Bedürfnis nach Schutz haben.

Aber ist es nötig, dass ein Heiligtum daran alle sieben Jahre erinnert? Kommt die deutsche Gesellschaft ihrer Schutzfunktion gegenüber Kindern nach? Welche Rolle spielen junge Menschen überhaupt in unserer heutigen Gesellschaft?

Paul Glar ist Leiter der Erziehungs- und Schwangerschaftsberatung der Caritas; seine Ansichten sind ernüchternd: „Vor zwanzig Jahren hätte ich noch gesagt, dass es Kindern in Deutschland – gemessen an anderen Ländern – gut geht. Aber heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.“ Man müsse erkennen, dass es auch hier Mädchen und Jungen gibt, die in „echter Not und Armut leben“.

Kinder unter Leistungsdruck

Kinderarmut – dieser Begriff ist für den Caritas-Mitarbeiter Realität. Immer häufiger treffe er auf dieses Problem – beispielsweise in der Schwangerschaftsberatung. Besonders wütend mache ihn, dass viele Familien der Armut kaum entkommen könnten – nicht zuletzt, weil um die Behörden, die eigentlich helfen sollten, „hohe und dicke Mauern“ beständen.

Armut in Kinderjahren ist das eine Problem, das Glar in unserer Gesellschaft sieht. Ebenso drängend sei der enorme Leistungsdruck, dem Mädchen und Jungen schon ab dem Kindergartenalter im Bereich der Bildung ausgesetzt seien, glaubt Glar. Der Gesellschaft fehle es an der Gelassenheit, Kindern ihre eigene Entwicklung zuzugestehen – manchen eine schnellere, anderen eine langsamere. Stattdessen versuche man, immer früher mit Tests mögliche Defizite festzustellen und diese mit entsprechenden Maßnahmen auszumerzen. Glar erklärt diesen Bildungstrend damit, dass man schon in den kleinsten Bürgern das größtmögliche Wirtschaftspotenzial für die Zukunft wecken wolle.

Wenn man so will, findet Glar also tatsächlich, dass unsere Gesellschaft Kindern eine bedeutende Rolle zuspricht: der von zukünftigen Steuerzahlern.

Aber ist es denn schlecht, allen Kindern eine möglichst große Bildungschance zu ermöglichen? Glar will diesen Ansatz bestimmt nicht verteufeln. Er stellt jedoch fest, dass mehr und mehr Jugendliche unter dem Leistungsdruck in Schule und Freizeit psychisch leiden. Das bestätigen die Statistiken der Caritas aus dem vergangenen Jahr: Zwar suchen Kinder und Jugendliche am häufigsten Hilfe wegen familiärer Konflikte. An zweiter Stelle folge jedoch schon psychisches Leid durch schulische Probleme.

Ist also ein Land, das auf Bildung setzt, nicht kinderfreundlich? „Wir huldigen einer falschen Kinderfreundlichkeit“, glaubt Glar. Damit meint er, dass man in Institutionen wie Schule und Kindergarten alles für die jungen Leute tue – vielleicht sogar zu viel. Falsch sei diese Kinderfreundlichkeit, weil er im Umfeld der Familien mittlerweile einen ganz gegenteiligen Trend erkenne.

Ohne pauschalisieren zu wollen, beobachtet er, dass der Berufsalltag für viele Eltern immer anstrengender zu werden scheint. So anstrengend, dass sie sich während ihrer freien Zeit ein unkompliziertes Kind wünschten, das nicht quengelt und nichts fordert. Es müsse sich schnell in die elterliche Taktung einfinden und funktionieren.

Und auch die Bedeutung von Kindern habe sich gewandelt: Früher galten sie in der Gesellschaft als Altersvorsorge. Heute hingegen werden viel weniger Babys und diese viel später geboren: erst dann, wenn sich die Eltern beruflich verwirklicht haben und selbst nicht mehr in wichtigen Entwicklungsphasen stecken. Denn vorher würden Kinder eher als eine Last empfunden, berichtet Glar aus seiner langen Erfahrung als Sozialpädagoge.

Neben Leistungsdruck und Armut gebe es noch schlimmere Kinderschicksale – besonders in anderen Ländern. Manche kommen als unbegleitete Flüchtlinge nach Deutschland, weil sie vor Krieg oder Verfolgung ganz allein geflohen sind. Für sie müsse man Verantwortung übernehmen. Jeder könne sich beispielsweise bewusst dafür entscheiden, in gewissen Situationen Produkte zu kaufen, die vielleicht teurer sind, aber nicht von Kindern hergestellt werden.

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