Eschweiler - Neu-Lohn und die Umsiedlung vor 50 Jahren

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Neu-Lohn und die Umsiedlung vor 50 Jahren

Von: Patrick Nowicki
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Umsiedlung
Farbige Lindenblätter in Erinnerung an das Siegel der Gemeinde Lohn als Symbol für die weggebaggerten Orte des Kirchspiels. Karte: mapz.com/Logo: Thomas Graff

Eschweiler. Dickmeis. Dieser Nachname taucht immer wieder auf, wenn man sich mit dem Kirchspiel Lohn und seiner Geschichte beschäftigt. Wer die Diele von Peter Dickmeis‘ Haus an der Ringstraße in Neu-Lohn betritt, schaut unweigerlich auf einen Stammbaum, der bis ins 17. Jahrhundert zurückgeht.

Akribisch hat der heute 85-Jährige seine familiären Wurzeln ergründet. Über Jahrzehnte, nein, Jahrhunderte hinweg wohnte seine Familie in dem kleinen Ort zwischen Aldenhoven und Eschweiler. Ein Datum hat sich darum besonders in sein Gedächtnis eingebrannt: Im Jahr 1969 verließ er mit seiner Familie die alte Heimat und siedelte um. Der Durst nach Energie ließ das Kraftwerk Weisweiler und damit den Bedarf an Braunkohle wachsen. Dieser Umzug ist ihm alles andere als leicht gefallen. „Ich habe viele schlaflose Nächte gehabt“, berichtet er heute.

Etwa 1000 Menschen betroffen

Zum Kirchspiel Lohn gehörten damals weitere Orte: Langendorf, Erberich, Pützlohn, Fronhoven und das Rittergut Hausen. Sie alle sind Geschichte und nur noch auf alten Fotos existent. Gedenksteine auf der inzwischen rekultivierten Fläche im Eschweiler Norden lassen erahnen, wo sich die Orte einst befanden.

Etwa 1000 Menschen waren damals betroffen und mussten sich eine neue Bleibe suchen. Manche taten dies voller Zuversicht, andere trauerten um ihre Heimat. Ein Ereignis symbolisiert wie kaum ein anderes die Zerissenheit der Menschen: die Sprengung der Kirche St. Silvester in Alt-Lohn, wegen ihrer Größe lange als „Dom vom Jülicher Land“ Wahrzeichen des Kirchspiels. Die Explosion brachte das Gotteshaus nicht wie geplant zum Einsturz, sondern zerriss es in zwei Teile. „Viele Menschen haben damals geweint“, erinnert sich Peter Dickmeis. Diese Zerissenheit der Menschen prägte schon im Vorfeld der Umsiedlung die Diskussionen.

Die erste Familie, die in den neuen Ort zog, war die Familie von Manfred – natürlich – Dickmeis. Wie viele andere Bewohner des Kirchspiels auch war der heute 79-Jährige bei der Braunkohlen-Industrie-Aktien-Gesellschaft (BIAG) Zukunft angestellt. Dort arbeitete er in der Fahrbereitschaft und war später der erste Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Rheinbraun AG, in der alle Braunkohletagebaue des Westreviers aufgingen. „Ich habe in all den Jahren nach der Umsiedlung nicht erlebt, dass sich Menschen beschwert haben“, sagt er. Manche seien froh gewesen, schließlich war die Infrastruktur in den Dörfern in die Jahre gekommen, Spültoiletten waren eine Seltenheit. Nicht jeder im Ort teilt diese Meinung.

Die Diskussionen über die Umsiedlung erlebte er auch als junger Vertreter der SPD im Lohner Gemeinderat. Während man sich schnell mit der Tatsache abfand, dass die Orte abgebaggert werden, war die Stelle des Umsiedlungsstandorts umkämpft. Die Landesregierung und BIAG Zukunft favorisierten einen Standort weiter südlich und näher an Dürwiß.

Die Menschen in den Orten entschieden in einer Befragung anders und setzten sich letztlich durch: Neu-Lohn sollte südlich von Fronhoven entstehen. Damit sei eine „dörfliche Eigenständigkeit“ gewahrt, hieß es. Manfred Dickmeis ergriff die Gelegenheit beim Schopf und zog mit seiner Familie im Sommer 1968 ins neue Haus. Dies wird heute als Geburtsmoment von Neu-Lohn gesehen.

In den Augen von Peter Dickmeis lief die Umsiedlung nicht so glimpflich ab, die Dorfgemeinschaft war empfindlich gestört: „Keiner wusste wirklich etwas Genaues; während die einen noch um die Heimat kämpften, verließen andere schon die Dörfer.“ Darunter litt vor allem das Miteinander. Nachbarn wurden argwöhnisch betrachtet, Unsicherheit prägte den Alltag.

Inzwischen zeigt er Verständnis für manche Menschen, die eben noch gegen die Umsiedlung gewettert hatten und kurz später die Abfindungsvereinbarung unterzeichneten: „Einige verdienten im Tagebau ihr Geld, wer begehrt schon gegen seinen eigenen Arbeitgeber auf?“ Er selbst war als Kraftfahrer im Elektrowerk Eschweiler tätig und musste seine Haltung darum nicht vor den Vorgesetzten rechtfertigen.

Auch Peter Dickmeis gehörte später dem letzten Gemeinderat Lohns an – allerdings als Vertreter der Christdemokraten, die mit zehn von 13 Sitzen die Mehrheit stellten. Die Entscheidung der Umsiedlung war zu diesem Zeitpunkt schon lange gefallen.

Im Jahr 1960 unterzeichnete der NRW-Ministerpräsident Dr. Franz Meyers die Verbindlichkeitserklärung für den Teilplan „Inde-Nord“, der das Aus der Orte im Kirchspiel bedeutete. Jahrelang hatte der Gemeinderat vergeblich dagegen gekämpft. Immerhin sicherten die Landespolitiker zu, dass man sich „im Sinne der Lohner Gemeindevertretung einsetzen und das versprochene Musterbeispiel einer Umsiedlung unbedingt im Auge behalten“ wolle. Das Kirchspiel sollte als Blaupause für spätere Umsiedlungen gelten.

Der neue Ort wurde am Planungstisch entworfen, im Mittelpunkt stehen die neue Kirche und der Kindergarten. Auch ein Schulgebäude war ursprünglich vorgesehen, im Zuge der kommunalen Neugliederung allerdings wieder verworfen worden.Der Ortswechsel brach das bisherige Dorfleben auf: „Die Vereine mussten sich neu orientieren und neu Fuß fassen“, berichtet Peter Dickmeis. Nicht jedem Club gelang der Neustart, die beiden Schützenbruderschaften aus Lohn und Fronhoven fusionierten. Dickmeis habe nach eigenem Bekunden als Vorsitzender des Lohner Spielmannzuges darüber nachgedacht, mit dem Fronhovener Verein zusammenzuwachsen: „Das war aber nicht möglich, die Widerstände waren zu groß.“

Zum Jubiläum des Ortes ziehen die Vereine jedoch an einem Strang. Eigens wurde ein Förderverein „50 Jahre Umsiedlung Kirchspiel Lohn“ gegründet, der die Gestaltung des Festwochenendes am 16. und 17. Juni organisiert. Ihm gehören Vertreter sämtlicher Organisationen im Ort an. Mit Unterstützung der Städteregion holten die Ehrenamtler die Fachhochschule Aachen mit ins Boot.

Studenten halfen mit, die Kampagne und Projekte im Rahmen des Jubiläums zu entwickeln. Im Mittelpunkt steht die Umsiedlungsvergangenheit des Ortes, bei der multimedialen Ausstellung, in der Festschrift, bei den Führungen und bei der „GeoCache“-Aktion. Inzwischen blickt man optimistisch in die Zukunft, weswegen der Förderverein auch über das Jubiläum hinaus bestehen bleiben und die Aktivitäten im Ort koordinieren soll. Die Zerrissenheit der Menschen aus der Umsiedlungszeit ist inzwischen wieder einer gewachsenen Dorfgemeinschaft gewichen.

An der Stelle der ehemaligen Kirche St. Silvester ist ein neues, wenn auch kleineres Wahrzeichen entstanden: die Gedächtniskapelle. Sie hält die Erinnerung an die beiden Gotteshäuser im Kirchspiel wach, die dem Tagebau zum Opfer fielen. In dem Gebäude sind der ehemalige rechte Seitenaltar der Pfarrkirche St. Silvester Lohn, der sogenannte Jesus-Maria-Josef-Altar, sowie Figuren aus der Kirche St. Josef in Fronhoven. Auch der Wetterhahn auf der Kapelle hat historischen Wert: Er zierte einst die Kirche in Alt-Lohn und wurde nach der zweiten Sprengung des Gebäudes gesichert.

 

 

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