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Bombenfund: Aachen steht still

Von: Heiner Hautermans
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Gehöriger Respekt vor dem Kriegsrelikt: Die Einsatzleitung prüft genau, wie weit der Sicherheitsradius gezogen werden muss. Weil die Bombe in fünf Metern Tiefe liegt, reichen 400 Meter. Foto: Ralf Roeger
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Kein Durchkommen: Im Aachener Uni-Viertel ging für Autofahrer am Freitag zeitweise nichts mehr. Foto: Ralf Roeger
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Die Bombe war am Nachmittag bei Kanalbauarbeiten an der Süsterfeldstraße gefunden worden. Foto: Ralf Roeger
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Der Sprengkörper lag rund fünf Meter tief im Erdboden. Foto: Ralf Roeger
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Die RWTH sperrte nach dem Bekanntwerden des Fundes alle betroffenen Gebäude. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Um kurz vor 12 Uhr mittags stieß der Baggerführer auf den brisanten Fund, der die Stadt bis zum Happy-End um 00.35 Uhr in Atem halten sollte: Bei den Ausschachtungsarbeiten für einen Kanal in der Claßenstraße an der Ecke Intzestraße, nicht weit vom Westbahnhof entfernt, wurde in einer fünf Meter tiefen Baugrube eine Zehn-Zentner-Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden.

Feuerwerker Holger Jacobi: „Der Baggerführer hat sie rechtzeitig erkannt und nicht bewegt.“ Dennoch war der Kampfmittelräumdienst mit Verstärkung und insgesamt vier Mann aus Köln angerückt, denn es handelt sich um einen unangenehmen Fund: „Der Zünder ist abgeschert“, sprich abgebrochen. Und nicht einfacher machte die Sache, dass sich drei Meter über der Bombe eine etwa 20 Zentimeter dicke Gasleitung der Stawag befindet. Polizei, Feuerwehr, Ordnungsamt, Mitarbeiter von Deutscher Bahn und RWTH eilten ebenfalls zum Fundort.

Einsatzleiter Ron-Roger Breuer vom Ordnungsamt erläuterte gut eine Stunde später, dass im Radius von 400 Metern alles abgesperrt werden müsse und die Bevölkerung die Wohnungen verlassen müsse: „Laut Melderegister sind bis zu 3000 Leute betroffen.“

Auch die Bahnstrecke nach Mönchengladbach sei einbezogen, sie war allerdings ohnehin aufgrund von Bauarbeiten an der Eisenbahnbrücke Roermonder Straße gesperrt, stattdessen verkehrten Busse im Schienenersatzverkehr zwischen Aachen-Hauptbahnhof und Kohlscheid. Betroffen sei auch die Kinderuni der RWTH. Zu diesem frühen Zeitpunkt wurden Journalisten ausnahmsweise noch bis an den Rand der Baugrube gelassen, um Fotos machen zu können.

Nur der Tatsache, dass die Bombe in fünf Metern Tiefe liegt, war zu verdanken, dass der Kreis nicht noch wesentlich größer gezogen werden musste. Wenn sie sich direkt unter der Oberfläche befunden hätte, wäre der Radius bis zu 1000 Meter weit gewesen, hätte also die halbe Innenstadt bis zum Markt erfasst. Doch auch so hatten die Kampfmittelräumer gehörigen Respekt vor dem Kriegsrelikt. Feuerwerker Jacobi: „Die ist nicht ohne weiteres zu entschärfen.“ Ohnehin seien englische Bomben schwerer unschädlich zu machen als amerikanische, das hänge mit der Stoffempfindlichkeit zusammen.

Nach Mitternacht wurde es ernst

Die 250 Kilogramm TNT, die eine derartige Massenvernichtungswaffe enthält, werden nämlich durch einen ausgeklügelten Mechanismus zur Detonation gebracht: eine Zündkette. Die besteht aus einem Zündhütchen, einem Detonator und einer Übertragungsladung. Beim Herausdrehen des aus Messing bestehenden Zünders, das man mittels Adapter versuchen werde, entstünden Kristalle, die äußerst stoß- und reibungsempfindlich seien und mit der Übertragungsladung reagieren könnten. Jacobi war ohnehin nur vertretungsweise in Aachen, weil sein für die Grenzstadt zuständiger Kollege am Mittwoch eine Zehn-Zentner-Bombe in Köln entschärft hatte und die vorgeschriebene Ruhezeit einhielt.

Nach und nach wurde der engere Kreis um die Fundstelle abgesperrt, der Verkehr um das Ponttor kam gegen 16 Uhr fast zum Erliegen. Wegen der Sperrung des Europaplatzes und der Roermonder Straße war ein Durchkommen in der Stadt kaum mehr möglich. Die Wache der RWTH Aachen ließ vorsorglich Institute im Umfeld räumen, Gebäude der Hochschule an der Ahornstraße sollten für die Aufnahme der Anwohner zur Verfügung gestellt werden, Pendelbusse ab dem Bend verkehren. Erst gegen 20 Uhr evakuierte die Polizei erste Wohngebäude. Kurz nach 24 Uhr begannen die Kampfmittelräumer schließlich mit ihrer heiklen Mission – die um 0.35 Uhr mit der erlösenden Nachricht endete.

In der Claßenstraße erneuern Stadt und Stawag seit Juli 2015 die Oberfläche, den Kanal und die Stromleitungen. Die Bauarbeiten, die im Zusammenhang mit dem Bau eines Hörsaalzentrums der RWTH stehen, dauern voraussichtlich bis August 2016.

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