Aachen/Tihange/Berlin - Alarmierende Vorfälle: Experten bereitet die Sicherheit von Tihange 1 Sorgen

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Alarmierende Vorfälle: Experten bereitet die Sicherheit von Tihange 1 Sorgen

Von: Madeleine Gullert
Letzte Aktualisierung:
Tihange Symbol Symbolfoto: Rainer Jensen/dpa
In den Jahren 2013 bis 2015 gab es insgesamt acht Vorboten in Tihange-1. Foto: Rainer Jensen/dpa

Aachen/Tihange/Berlin. Der Meiler Tihange 1 gerät verstärkt in Kritik. Notabschaltungen, andere Vorfälle und damit verbundene Sicherheitsberechnungen im zweitältesten belgischen Atommeiler bereiten Experten und Politikern extreme Sorgen.

Tihange 1 könnte nach Tihange 2 und Doel 3 nun zum nächsten atomaren Sorgenkind werden. Die beiden anderen Meiler sind seit Jahren wegen Tausender Wasserstoffflocken im Reaktordruckbehälter umstritten.

Tihange 1 gerät nun mehr als bislang in die Kritik, weil es von 2013 bis 2015 in dem Meiler, der Luftlinie nur 60 Kilometer von Aachen entfernt ist, acht sogenannte Precursor-Ereignisse gegeben. Das bestätigte die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC auf Anfrage unserer Zeitung.  Precursor-Ereignisse sind Vorfälle in Kernkraftwerken, die die Wahrscheinlichkeit für einen Kernschaden erhöhen, wie die Gesellschaft für Reaktorsicherheit erklärt. Von den 14 Fällen in allen sieben belgischen Atommeilern in Tihange und Doel betreffen acht Tihange 1, wie aus einem FANC-Dokument hervorgeht, das die  Grünen angefragt haben und das unserer Zeitung vorliegt.

Eines dieser acht Ereignisse ist die Notabschaltung des Meilers aufgrund eines kurzzeitigen Brandes im nicht-nuklearen Bereich des Geländes gewesen. Der Vorfall im Dezember 2015 wurde anschließend einer Precursor-Analyse unterzogen. Dort werden die schlimmsten Szenarien berechnet, die ausgehend von dem Brand hätten passieren können. In acht Fällen wurden die Analysen als gefährlich, sprich als Precursor-Ereignisse eingestuft. 

„Wenn wir sagen: ,Tihange abschalten’, meinen wir immer das ganze Kraftwerk, nicht nur den Riss-Reaktor“, sagte Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) unserer Zeitung. Er fühle sich durch die neuen Erkenntnisse in seiner Argumentation für das komplette Abschalten bestätigt.   

Der Betreiber hält dagegen: „Wäre Tihange nicht sicher, wären die Meiler abgeschaltet“, sagte Engie-Electrabel-Sprecherin Anne-Sophie Hugé am Donnerstag. „Es geht bei den Analysen um Risikomanagement, nicht um tatsächliche Vorfälle“, betonte auch der FANC-Sprecher Erik Hulsbosch unserer Zeitung. Warnung vor einer Gefahr seien typisch deutsche Panikmache. „Tihange 1 ist nicht gefährlich. Natürlich gibt es kein AKW, das ohne Risiko läuft.“

„Tihange 1 ist vollkommen überaltert“

Doch im gleichen Zeitraum – 2013 bis 2015 – gab es zudem sechs Notabschaltungen in Tihange 1. Es sei schon erschreckend, dass sich beide sicherheitsrelevanten Zahlen in Tihange 1 häufen, sagte der Dürener Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer (Grüne). 

Experten bestätigen die Sorgen der Grünen: Der Meiler entspreche nicht mehr den gültigen Sicherheitsstandards und würde heutzutage keine Betriebserlaubnis mehr erhalten, sagte Professor Manfred Mertins, Reaktorsicherheitsexperte, im Gespräch mit unserer Zeitung. „Tihange 1 ist vollkommen überaltert.“

Insbesondere vor diesem Hintergrund seien die Precursor-Ereignisse oder vielmehr noch die tatsächlichen Vorfälle, die die Analysen nötig machen, alarmierend. Experten des Bundesumweltministeriums erklärten am Donnerstag, dass die Zahl der Precursor-Ereignisse nichts über die Sicherheit des Blocks aussage. Nichtsdestotrotz sind auch sie der Ansicht, dass Tihange 1 allein wegen seines Alters vom Netz gehen müsste.

Die ursprünglich angedachte Maximallaufzeit von 40 Jahren hatte Tihange 1 tatsächlich bereits 2015 erreicht. Die belgische Regierung hatte damals aber schon eine Laufzeitverlängerung bis 2025 beschlossen. Das hatten Umweltverbände, Politiker  und Atomkraft-Gegner mehrfach bemängelt. „Schon lange steht auch der Altreaktor Tihange 1 in der Kritik. Die belgischen Behörden dürfen sich nicht weiter blind stellen. Der Schrottmeiler muss zum Schutz der Bevölkerung endlich vom Netz“, sagte Rebecca Harms, atompolitische Sprecherin der Grünen im Europäischen Parlament.

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