Zwischen Aufbruch, Trauer und neuen Ängsten

Von: Manfred Kutsch
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Eine Momentaufnahme, die ans Herz geht – und ein Blick, der alles erzählt: Inmitten der Verwüstung läuft das Mädchen im sauber wirkenden roten Kleid über Trümmer. Zu ihren Füßen ist eine WC-Schüssel erkennbar, dahinter die Reste von Möbeln. Foto: Unicef
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Unicef-Nothelfer Gregor Henneka in Tacloban – gemeinsam mit Kindern, die ihr Elternhaus verloren haben. Foto: Unicef

Tacloban/Aachen. Die Lage in Tacloban und den angrenzenden Krisengebieten auf den Philippinen hat sich stabilisiert. Aber noch lange wird der Hilfsbedarf bleiben, so lautet die Einschätzung von Unicef-Mitarbeiter Gregor Henneka, der vor Ort als Nothilfe-Manager den Alltag der Opfer erlebt. Wir sprachen mit ihm via Skype.

Wie ist die Situation in Tacloban?

Henneka: Natürlich ist noch keine Normalität eingetreten, allein schon deshalb, weil unglaublich viele Berge an Schutt herumliegen. Aber man kann jeden Tag kleine Fortschritte sehen. Es tauchen Produkte auf den Märkten auf, von Lebensmitteln bis Baumaterialien. Es fließt auch schon etwas Autoverkehr. Auch manches Restaurant ist wieder offen. Das betrifft aber nur die Stadt. Sobald man in Bereiche geht, die direkt an der Küste und auf dem Land liegen, also in die Regionen, die von den Sturmfluten geradezu wegrasiert worden sind, stellt sich die Situation ganz anders dar. Dort müssen sich die Menschen nach wie vor mit dem Nötigsten helfen.

Welche Vorstellung kann man sich machen, wie die Betroffenen leben?

Henneka: Sie haben sich irgendwelche behelfsmäßigen Behausungen gezimmert, mit dem, was gerade verfügbar war. In einem Stadtteil wurden vier Schiffe zu einem Wohnviertel umfunktioniert. Die Dampfer sind auf dem Land gestrandet und werden jetzt quasi als Mehrfamilienhäuser genutzt.

Dürfen die Opfer, die an den Küsten gelebt haben, wieder zurück?

Henneka: Nein, sie werden vermutlich nie mehr dort leben. Sie alle sind nach wie vor in den Evakuierungszentren oder in Zelten untergebracht. Gezwungenermaßen werden auch viele Menschen im Landesinneren ihre Heimat verlassen müssen. Die meisten dort lebten von Kokusnussplantagen, die jetzt alle zerstört sind. Damit ist ihre Existenz zerstört. Da steht kein Baum mehr. Und solche Palmen brauchen fünf bis zehn Jahre, bis sie halbwegs wieder nachgewachsen sind.

Wie ist sechs Wochen nach Haiyan die Stimmung in der Bevölkerung?

Henneka: Wir sagen immer: überraschend positiv. Jeder packt ja auch an und versucht seinen Teil dazu beizutragen, eine Aufbruchstimmung zu erzeugen. Aber wenn man sich mit den Leuten unterhält und unter die Oberfläche guckt, gerade bei denen, die alles verloren haben, dann dringen halt doch Riesentraurigkeit und neue Ängste durch. Die Filippinos sind zwar von ihrer Mentalität her durch und durch positiv denkende Menschen: Aber jede Familie hat Angehörige, Freunde, Nachbarn verloren. Auch oft die Kinder, was sich Eltern ja nie verzeihen, dass sie nicht in der Lage waren, ihr Kind zu retten.

Welche Hilfe hat Unicef bislang geleistet, auch mit den Spendengeldern unserer Leserinnen und Leser?

Henneka: Unsere Priorität war zunächst Wasser, da haben Unicef und seine Partner mehrere Zehntausend-Liter-Tanks mit verschiedenen Anschlüssen bereitstellen können, damit konnten wir 575 000 Menschen Wasserzugang verschaffen. Zudem konnten wir 90 000 Opfern Notlatrinen besorgen. Unsere zweite Priorität liegt darin, den Kindern so schnell wie möglich eine gewisse Normalität zu geben. Dazu gehört allen voran die Schule. Bislang konnten wir 50 000 Kinder in Provisiorien unterbringen – mit Lernmaterial. Und: Wir haben Impfkampagnen gestartet, um die Ausbreitung von Infektionen zu vermeiden.

Bekanntlich sind Naturkatastrophen ein zusätzlicher Nährboden für Kinderhandel und Kinderprostitution.

Henneka: Es sieht so aus, als hätten die allermeisten Kinder doch Anschluss an irgendwelche Familien, deren Strukturen auf den Philippinen sehr stark sind. Die von Unicef eingerichteten Kinderschutzzonen leisten auch in diesem Kontext einen Beitrag. Das Thema wurde auch von den örtlichen Medien aufgegriffen und von der Regierung ganz oben auf die Agenda gesetzt. Die Gefahr ist bekannt, sie wird ernstgenommen. Aber im Moment scheint sie im Griff zu sein. Wir haben bislang exakt 72 Kinder registriert, die völlig unbegleitet sind – ohne jede Verbindung zu Eltern oder Verwandten.

Haben die Menschen Angst, dass sie langfristig vergessen werden?

Henneka: Uns fragen die Leute immer wieder: Wie lange bleibt ihr denn? Wann geht ihr? Nehmt ihr das Zelt wieder mit? Aber ja, die Befürchtung des Vergessenwerdens ist zweifelsfrei da. Zumal man auch erlebt, wie die ersten Nothilfeteams und Militärs jetzt langsam nach und nach abrücken, um die Versorgungslage wieder den kommunalen Einrichtungen zu übergeben. Unicef kann versichern, dass wir bleiben werden, um mit den Einheimischen gemeinsam die Zukunft zu gestalten und neue Strukturen zu schaffen.

Haben die Leute eine Chance, an Arbeit zu kommen?

Henneka: Es gibt diese Cash & Work-Programme, mit denen man – anstelle ausländische Helfer einfliegen zu lassen – Einheimische zu den Aufräumarbeiten heranzieht und ihnen zumindest ein kleines Einkommen ermöglicht. Das wird vielfach umgesetzt.

Wir haben heute einen Überweisungsträger für unsere Aktion „Hilferuf aus den Philippinen“ in der Zeitung. Inwieweit ist Hilfe weiterhin erforderlich?

Henneka: Die Grundbedürfnisse sind zumindest zum Teil befriedigt: Wasser, Nahrung, medizinische Versorgung. Aber es bietet sich immer noch ein Bild der Verwüstung. Mit dem Eifer, mit dem die Filippinos aufräumen, hätten sie es wirklich verdient, weiterhin unterstützt zu werden. Bis den Leuten hier mit einem Wiederaufbau geholfen ist, wird noch viel Zeit vergehen.

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