Was einst eine Stadt war, ist nun ein Trümmerfeld

Von: Girlie Linao und John Grafilo
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Ein Junge durchforstet am Montag die Trümmer vor einem umgestürzten Container nahe der Stadt Tacloban, auf dem ein Verzweifelter in großen Buchstaben um Hilfe bittet. Die Zahl der Todesopfer nach dem Taifun ist immer noch nicht klar. Foto: dpa

Manila. Eine junge Frau streckt die Arme über den Zaun am Flughafen. Mit Tränen in den Augen fragt sie: „Habt ihr Wasser?“ Ihre Stimme ist rau. Hinter ihr wird geschubst und gestoßen. Die Überlebenden von Taifun „Haiyan“ auf den Philippinen warten seit Tagen auf Hilfe. Wo bleiben die Rettungsteams der Regierung? Trauer, Verzweiflung und Ohnmacht der Opfer schlagen langsam in Wut und Frust um.

„Wir haben nichts, hier kommt nichts an“, sagte Gilda Malinao aus Tacloban am Montag dem Radiosender DZMM. Der Taifun hat ihre Heimatstadt dem Erdboden gleichgemacht. „Bitte, bitte schickt uns Hilfe, bitte helft uns“, fleht sie. Hunderttausende Menschen in der Katastrophenprovinz Leyte teilen ihr Schicksal. Sie haben Freunde und Familie verloren, viele Menschen werden vermisst.

Es sind Bilder von unvorstellbarer Zerstörung. Was einst eine Stadt war, ist nun ein Trümmerfeld. Von den Häusern und Hütten ist nichts übrig geblieben. Zeugen berichten von starkem Verwesungsgeruch. Der Ausbruch von Seuchen bedroht die Überlebenden.

Die Regierung der Philippinen schafft es auch am dritten Tag nach der Katastrophe kaum, Hilfsgüter in alle zerstörten Regionen zu bringen. Hungrige Überlebende plünderten Läden, um an Lebensmittel, Wasser oder Medikamente zu gelangen. „Uns hat noch keine Hilfe erreicht“, sagte Denis, ebenfalls aus Leyte. „Wir müssen uns allein durchschlagen, viele haben deshalb geplündert.“

Es wird befürchtet, dass die Lage außer Kontrolle gerät, wenn nicht bald Hilfe eintrifft. Präsident Benigno Aquino versicherte den Menschen, Unterstützung sei unterwegs. Auch er zeigte sich unzufrieden mit dem langsamen Fortschritt. Zerstörte Straßen, Flughäfen und vor allem unterbrochene Kommunikationsverbindungen erschweren den Helfern die Arbeit. Auch die Koordination mit den Behörden vor Ort ist schwierig.

„Die Verwaltung vor Ort ist zusammengebrochen“, beklagte Aquino. Diese müsse als erstes reagieren, die Helfer seien auf sie angewiesen. „Zu viele von ihnen waren ebenfalls betroffen und sind nicht mehr zur Arbeit erschienen.“ Die Zentralregierung werde nun übernehmen. Militär und Polizei werden entsandt, um weitere Plünderungen zu verhindern.

Auch kritisierte der Präsident, manche Provinzen hätten die Gefahr auf die leichte Schulter genommen. „Es scheint, dass manche Gebiete nicht so gut vorbereitet waren wie andere.“ Die Gouverneurin der Provinz Samar, Sharee Ann Tan, wies dies zurück. Man sei vorbereitet gewesen, aber „Haiyan“ habe einfach alles weggeschwemmt. Auch Energieminister Jericho Patilla sagt: „Man kann niemals genug auf einen Sturm mit 300 Kilometern in der Stunde vorbereitet sein. Das ist einfach zu groß.“

Das Militär bat die Menschen um Geduld: „Wir verstehen ihre Gefühle und ihren Frust, weil es so wenig Informationen gibt“, sagte Militärsprecher Ramon Zagala philippinischen Medien.

Ein Hubschrauber hat die Opfer erreicht. Er bringt Hilfsgüter und rettet Menschen aus dem Katastrophengebiet. An Bord sind Alte, Kranke, Frauen und Kinder. Eine Mutter drückt ihr krankes Baby an sich. Ein Helfer hat dem Kind große gelbe Kopfhörer übergestülpt. Angst spiegelt sich in seinen Augen. Der Mutter rinnen Tränen übers Gesicht - ob es Tränen der Erleichterung oder der Verzweiflung sind, weiß nur sie.

Der Leiter der Unicef-Gesundheitsprogramme auf den Philippinen rechnet mit mindestens viereinhalb Millionen Taifun-Betroffenen auf den Philippinen. „Wir gehen jetzt davon aus, dass sicher 4,7 Millionen Menschen betroffen sind. Davon sind 1,7 Millionen Kinder“, sagte der aus Österreich stammende Arzt Willibald Zeck am Montag in Manila. Endgültige Zahlen anzugeben, werde noch länger schwierig bleiben.

Unterdessen ist das Technische Hilfswerk (THW) mit einem ersten Team in der philippinischen Hauptstadt Manila angekommen. Fünf Experten bewerteten derzeit die Lage vor Ort und planten den Hilfseinsatz des THW, teilte die Organisation am Montag in Bonn mit. Sobald bekannt sei, welche Ausrüstung und Geräte benötigt würden, könne ein Frachtflugzeug innerhalb von sechs Stunden in Richtung der Katastrophenregion starten.

Das THW verfügt unter anderem über eine Wasseraufbereitungseinheit, die bis zu 40 000 Menschen täglich mit Trinkwasser versorgen kann. Daneben können die Spezialisten Wasseranalysen erstellen und zerstörte Wasserversorgungssysteme reparieren.

Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) bereitet intensiv weitere Hilfen für die Taifun-Opfer auf den Philippinen vor. „Das Rote Kreuz als internationale Organisation koordiniert jetzt mit Hochdruck die humanitäre Hilfe“, sagte DRK-Sprecherin Alexandra Burck am Montag in Berlin. So habe das spanische Rote Kreuz am Montag einen Flug mit einer Wasseraufbereitungsanlage gestartet.

Das Rote Kreuz der Philippinen sondiere unter den äußerst schwierigen Bedingungen die Lage, sagte die Sprecherin. Hauptaufgabe sei die Verteilung von Hilfsgütern. „Der Flughafen des stark zerstörten Tacloban auf der verwüsteten Insel Leyte liegt zehn Kilometer von der Stadt entfernt. Um nach Tacloban zu kommen, braucht man derzeit sechs Stunden mit dem Auto”, sagte die Sprecherin.

Im Hafen von Tacloban kam nach Angaben des Roten Kreuzes bereits ein Versorgungsschiff mit 140 Tonnen Hilfsgütern an. Aus Frankfurt wurden 25 Tonnen Hilfsgüter der Organisationen World Vision und I.S.A.R Germany nach Manila geflogen.

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