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SV Immerath: „Das Vereinsleben ist mit umgezogen in den neuen Ort“

Von: Christoph Pauli
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Gemäht wird nicht mehr: Jörg Thiede auf dem alten Platz des SV Immerath. Foto: Christoph Pauli
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Eine schmucke neue Anlage: SV Immeraths Vereinsvorsitzender Jörg Thiede auf dem Gelände mit Vereinsheim und Rasenplatz. Foto: Christoph Pauli

Immerath. Die gefräßigen Bagger lösen keine Emotionen mehr aus, Jörg Thiede sieht sie fast jeden Tag am Wegesrand, aber sie gehören längst dazu wie die Kühe auf den Wiesen. Sie sind nüchterner Alltag im Braunkohletagebau.

Der Vorsitzende des SV Immerath ist an diesem Morgen noch einmal nach Immerath (alt) gekommen. Der alte Ort – erstmals 1144 urkundlich erwähnt – wittert langsam vor sich hin, an vielen bereits verwaisten Häusern sind die Rollläden runtergelassen. Ein paar Hühner huschen über die ziemlich leeren Straßen, eine Polizeieinheit hat den Ort zu Übungszwecken entdeckt.

Thiede steht auf dem alten Sportplatz, dem die Tore und die Begrenzungen abhanden gekommen sind. Man sieht, dass längst Gras über die Sache gewachsen ist. Im September letzten Jahres ist der SV Immerath als letzter Verein in die neue Ortschaft etwa acht Kilometer entfernt umgesiedelt. Seitdem wird der Rasen im alten Ortsteil nicht mehr gemäht. Das uralte Vereinsheim vegetiert vor sich hin, an der oft genutzten Sporthalle sind einige Scheiben eingeworfen. Aber Thiede ist nicht mehr wehmütig. „Diese Phase gab es natürlich auch, aber irgendwann wuchs einfach die Vorfreude auf den Neustart.“

Der 51-Jährige ist 1997 aus dem Ruhrgebiet ins Braunkohlegebiet gekommen. „Wenn man im Pott in eine Kneipe geht, hat man nach 15 Minuten drei Ansprechpartner.“ In Immerath war der Start nun doch etwas zäher, grinst der Duisburger. Erfahrungen aus dem letzten Jahrtausend. Thiede ist ein Überfallkommando der guten Laune. Er engagiert sich in den drei großen Vereinen, wurde der letzte Schützenkönig in Immerath (alt), bevor der Ort in Bezug auf das Vereinsleben stillgelegt wurde.

Immerath (alt) ist bald Historie, ab 2017 wird der Zahn der Bagger am Ort nagen. Thiede gehört zu den Menschen, die den erzwungenen Neuanfang als große Chance ansahen. Seit 2006 ist er im Vorstand, seit 2010 leitet er den Verein, vorher war er 2. Vorsitzender. Das Thema „Umzug“ steht seit 20 Jahren auf der Agenda, aber so recht ist es nicht angegangen worden. Die Betroffenen wollten es nicht so richtig wahrhaben, dass sie aus der Heimat vertrieben werden sollten.

Sie haben das Thema verdrängt wie einen unliebsamen Besuch beim Zahnarzt. Der SV Immerath war ein ganz kleiner Verein in Immerath (alt): nur eine Mannschaft, unterste Liga, 60 Mitglieder. Da ging es nur darum, die Existenz des 1911 gegründeten Klubs zu sichern. Für das Projekt Zukunft gab es wenig Kapazitäten. Aber die Bagger warten nicht, sie rücken näher in der Erkelenzer Börde – und damit rückt auch die Vertreibung aus der vertrauten Umgebung näher.

Aus Erfahrung schlau

Die intensiveren Planungen liefen 2005 an. RWE Power zückte nicht das Scheckbuch wie in anderen Fällen. Sie spendierten nur einen Unternehmensberater, der die Immerather Vereine vor der Vertreibung an einen Tisch holte. Sie wollten erstmals ein neues Konzept umsetzen. Vermutlich sind sie aus Erfahrung schlauer geworden. Vorher hatte der Energie-Riese anderen Klubs mit viel Geld den Umzug schmackhaft gemacht. Irgendwann waren solche Köder aufgezehrt, und so mancher Klub musste aufgeben, weil die Strukturen nicht mitgewachsen waren, der Verein hatte seine Helfer unterwegs verloren.

In Immerath suchten Schützenbruderschaft, Sportverein und Karnevalisten gemeinsam nach nachhaltigen Lösungen vor ihrer Vertreibung. „Wir haben nach Synergien geforscht, wir haben an einem Strang gezogen“, sagt Thiede und spricht von einer Erfolgsgeschichte. Es gab noch ein Problem: Wie motiviere ich Privatleute, die primär ihren eigenen Umzug organisieren müssen, dafür, sich auch noch fürs Allgemeinwohl zu engagieren? Immerath hat die größte Herausforderung mindestens der Klubgeschichte bewältigt, bilanziert der Betriebswirt. „Wir haben das Vereinsleben mit in den neuen Ort genommen.“ Immerath (neu) hat keine Gaststätte für seine etwa 450 Einwohner, man trifft sich im neuen SV-Klubheim. Längst erkundigen sich andere Vereine, die auf gepackten Koffern sitzen, worauf sie achten sollten.

Der SV Immerath hat viel in Eigenregie geschaffen, gerade sind die Bandenhalter rund um das Spielfeld angebracht. Das Vereinsheim wurde mit viel Leidenschaft aufgebaut. Der kleine Klub hat 12000 Euro aus eigenen Mitteln in die Infrastruktur gesteckt. Zwei Garagen sind mit umgezogen, dienen als Geräteschuppen, ein Sponsor aus dem Ort hat gerade dem rührigen Klub zwei Trainerhäuschen am Spielfeldrand spendiert. Viel Hilfe von außen ist nicht gekommen. RWE hat ein paar Mal mit Sachspenden ausgeholfen.

Zwei alte Flutlichtmasten sind mitgekommen (eine Schenkung von RWE), die nun den kleinen Bolzplatz anstrahlen. Der Konzern hat nicht die Spendierhosen an, Ansprechpartner der Immerather ist eher die Stadt Erkelenz. Entstanden ist eine sehr schmucke Anlage, die inte-grierte Turnhalle nutzt tagsüber die benachbarte Grundschule, abends üben dort die Kicker. Der SV Immerath war von Anfang an in die Planungen involviert, hat sie an einigen Stellen nach eigenen Vorstellungen verbessert.

Die benachbarte Germania aus Kückhoven plädierte eher für einen Aschenplatz in Neu-Immerath, auf dem auch der Bezirksligist trainieren könnte. Der C-Ligist hat sich durchgesetzt, hat seinen Rasen bekommen, der allerdings ziemlich schnell in einen desolaten Zustand geraten ist. Das Verhältnis zum „großen“ Nachbarn ist immer noch angespannt, sagt Thiede.

Der Verein ist in neuer Umgebung aufgeblüht, hat jetzt 310 Mitglieder, 46 sind von Borussia Bellinghoven rübergekommen. Der 102 Jahre alte Klub ist nie über die Kreisliga A hinausgekommen. Aktuell führen sie die Tabelle in der Kreisliga C an. „Aufstieg“ steht als Saisonziel in der neuen Kabine. Am Wochenende hat das Team 6:1 gewonnen, „vor 70 zahlenden Zuschauern“, sagt der Vorsitzende stolz. Inzwischen sind eine Alt-Herrenmannschaft (mit Thiede), eine Frauenmannschaft (mit Thiedes Tochter), eine A-Jugend (mit Thiedes Sohn) dazugekommen. „Wir wollen hier zudem eine gute Jugendabteilung aufbauen“, sagt er. Zurück in den alten Lebensraum will niemand mehr. Sie haben das Dorf hinter sich gelassen. „Der Umzug ist das Beste, was uns als Verein passieren konnte.“

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