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Leben mit der Kohle und dem Verlust der Heimat

Von: Norbert F. Schuldei
Letzte Aktualisierung:
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Für Wilfried Lörkens ist klar: Haus Paland, wo seine Familie seit Generationen lebt, wird ein unwiederbringlicher Verlust, wenn Borschemich abgebaggert wird. Foto: Marco Rose

Erkelenz/Eschweiler. Die Stille drückt und lastet schwer, wenn man an den Gärten vorbei in den ehedem pulsierenden Ort Borschemich fährt. Die Nägel in den Brettern, mit denen die Fenster der Häuser verrammelt sind, haben zum Teil schon Rost angesetzt.

Die Ackerwinde wuchert, das winterharte Besenkraut wächst ungezähmt und sprenkelt rotviolette Farbtupfer auf den Boden. In den Gärten, wo bis vor kurzem noch Radieschen wuchsen und Salat aus dem Boden schoss, ragen jetzt Pumpstationen aus dem Löß.

Sie halten das Loch trocken, das die Riesenbagger von RWE Power in die Landschaft reißen. Der Tagebau Garzweiler II hat sich bis an den Rand von Borschemich herangefressen.

Haus Paland, die ehemalige Wasserburg, direkt hinter den Gartenanlagen der Pfarrkirche St. Martinus gelegen, ist noch bewohnt. Wilfried Lörkens sitzt freilich schon auf gepackten Koffern: Die Tage des Gemäuers, das seit mehr als 400 Jahren Wind und Wetter, Frieden und Krieg und anderen Unbilden trotzt, sind gezählt.

„Ich bleibe so lange hier, bis es nicht mehr geht“, sagt Burgherr Lörkens. Bald geht es nicht mehr: Vertraglich ist zementiert, dass der einst stolze, 550 Einwohner zählende Ort mit der mächtigen Linde als Mittelpunkt 2015 menschenleer sein muss.

„Tandem bona causa triumphat“ steht auf dem Ahnenwappen an der Außenseite des Herrenhauses. „Endlich hat die gute Sache gesiegt“ – für Wilfried Lörkens muss der alte Sinnspruch heute wie Hohn klingen.

Natürlich kann sich Manfred Dickmeis noch haargenau an den Tag erinnern, als er umgesiedelt ist. Das heißt: So richtig umgesiedelt ist er eigentlich nicht, er ist in sein neues Haus im neuen Ort, der Neu-Lohn benannt wurde, eingezogen: „1967 war das. In dem Jahr haben wir auch geheiratet“, sagt er. Einen dicken Blumenstrauß vom Energieversorger gab‘s damals für die Neusiedler. Eine halbe Ewigkeit ist das her.

Die mächtigen Kühltürme des Kraftwerkes Weisweiler pusten den weißen Wasserdampf in den novembergrauen Himmel, als Manfred Dickmeis in der Küche seines geräumigen, propperen Einfamilienhauses das Mahlwerk der Kaffeemaschine einschaltet. Die Aussichtsplattform auf den Tagebau Inden ist beim Blick aus dem Küchenfenster über den Garten hinaus nur einen Steinwurf weit entfernt. „Natürlich haben wir damals auch Zoff gemacht. Rheinbraun wollte, dass wir Dürwiß angegliedert werden. Aber wir wollten selbstständig bleiben.“

Wenn Dickmeis Zoff sagt, dann meint er das politisch: Er war einer der jüngsten Kommunalpolitiker damals. Als überzeugter Sozialdemokrat hat er sich auch gewerkschaftlich engagiert. Betriebsrat war er. Sein Arbeitgeber: Rheinbraun.

Auch Wilfried Lörkens ist politisch engagiert, er sitzt im Erkelenzer Stadtrat. Seine Partei, die CDU, war von Anfang an gegen den Tagebau. Der wurde von der damals in Düsseldorf regierenden rot-grünen Koalition auf den Weg gebracht. „Stopp Rheinbraun – Ja zur Heimat“: Die Schilder sieht man noch heute an den Orten, die in naher Zukunft in dem großen Loch Garzweiler II verschwunden sein werden. „Klar haben wir dagegen protestiert, Lichterketten und sowas haben wir aufgezogen. Aber das ist lange her“, sagt Lörkens.

Otzenrath, den Nachbarort von Borschemich, haben die Bagger schon gefressen. Die Schaufelräder knabbern inzwischen an den Rändern der Rot- und Weißkohlfelder hinter den Stallungen von Haus Paland. „Die kommen immer näher. Da kannst du bei zugucken“, sagt Lörkens, als er im Auto über die lößgelb verschmierten Feldwege fährt.

Lörkens ist kein Großtönespucker, was er sagt hat Hand und Fuß. Es wird Zeit, auch für ihn, eine Lösung zu finden, zu einer Einigung mit RWE zu kommen: 2015 muss der Ort Borschemich menschenleer sein. So steht es im Rahmenbetriebsplan, so ist die Planung des Energiekonzerns, daran gibt’s nichts zu rütteln.

„Mein Problem ist, dass ich in Haus Paland nicht genügend Wohnfläche habe.“ Für ihn und seine Lebensgefährtin langt es, Platz ist mehr als er braucht vorhanden. Aber die Wohnfläche ist die Grundlage für die Berechnung der Entschädigungssumme, die RWE den Umsiedlern zahlt. „Die dicken Mauern, das Gewölbe, den Dachstuhl, das, was das Haus ausmacht – kannst du alles vergessen“, sagt Lörkens. Erbaut wurde Haus Paland um 1600, seit 170 Jahren ist es im Besitz der Familie, Wilfried Lörkens ist heute Alleinerbe des Anwesens.

Emotional, sagt er, hat er noch immer „schwer zu kämpfen, wenn ich mir vorstelle, dass das alles hier bald weg ist“. Regelrecht krank geworden ist er. „Jetzt kann ich darüber reden. Jetzt muss ich reden, denn jetzt geht es auch um Geld.“ In der kommenden Woche hat er den nächsten Termin, da kommen die Unterhändler von RWE zu ihm nach Haus Paland in den fast unbewohnten Ort Borschemich.

Zurück zu Manfred Dickmeis in Neu-Lohn, wo die hohen Buchen gelb gefärbt sind und das Laub der ausgreifenden Birken die Wege bedeckt. Hat das nicht auch Zoff gegeben: Auf der einen Seite die erzwungene Umsiedlung, andererseits der Arbeitsplatz bei dem Unternehmen, das die Abgrabung betreibt? „Nein, eigentlich nicht. Nein, das waren andere Zeiten damals“, sagt der heute 74-Jährige.

„Richtig ist: 70 bis 80 Prozent der Männer in den Ortschaften, die für den Tagebau Zukunft und Inden weichen mussten, waren als Schlosser, Elektriker oder sonst was bei Rheinbraun beschäftigt“, sagt Dickmeis. Eben: Da drin steckt doch eine Menge Konfliktpotenzial. „Ja, sicher. Aber Sie dürfen nicht vergessen: Wir hatten Ende der 1960er Jahre Vollbeschäftigung, Arbeitslosigkeit war damals ein Fremdwort. Nee, nee, hier hat sich niemand um seinen Arbeitsplatz gefürchtet.“

Und heute? Kann der ehemalige Betriebsrat bei Rheinbraun, das mittlerweile im Konzern RWE aufgegangen ist, verstehen, dass Menschen um ihren Arbeitsplatz fürchten, wenn der Tagebau Garzweiler II verkleinert wird? „Sicher kann ich das“, sagt er. Jetzt muss das Aber kommen – und es kommt auch: „Aber wer weiß denn, ob der Tagebau wirklich verkleinert wird? Vielleicht ist das ja Politik, die da gemacht wird?“, sagt Dickmeis. „Vielleicht wollen die durch das Erzeugen von Druck Einfluss auf die Koalitionsverhandlungen in Berlin nehmen? Da wird ja auch über die Energiepolitik für die nächsten Jahre entschieden.“

Wenn Dickmeis „die“ sagt, dann sind die Entscheidungsträger von RWE gemeint, dann redet er von seinen ehemaligen Arbeitgebern. Er weiß, wie das Geschäft läuft, er saß als Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat des Energieriesen. „Ich kann nachempfinden, was es heißt, seine Heimat zu verlieren. Ich habe selbst erlebt, wie lange es braucht, bis dieses Gefühl nachwächst. Das dauert.“

„Tja“, sagt Wilfried Lörkens, „was ist Heimat? Heimat, das ist für mich der Geruch des Hauses, das ist der Sessel, in dem Vater immer saß, die Treppe, die ich hier als Jugendlicher gemauert hab. Heimat, das ist das ganze Drumherum hier.“ Sein Blick schweift dabei über den Stall, in dem das Werkzeug lagert, in dem der ausladende Rasenmäher steht, in dem der blankgepflegte Fendt-Trecker und andere Gerätschaften, die auf einem Anwesen dieser Größe zum Alltag gehören, Schutz vor Wind und Wetter finden. Er schweift über die Wiese mit den Apfelbäumen hin zu dem Tannenwäldchen und dem Holztor, das den Weg, der sich hinauf schlängelt zur Dorfkirche St. Martinus, in der vergangene Woche noch eine Trauermesse stattfand, öffnet.

Das Vereinsleben funktioniert

„Die Menschen sind schon weg“, sagt Lörkens. Ja, es bröckele inzwischen merklich, das Gefühl zu Hause zu sein in Borschemich, auf und in Haus Paland. „Manchmal, wenn ich ruhig hier sitze, ist das schon grausig.“ Seltener sind solche Momente geworden in den vergangenen Monaten, Wochen, Tagen. Lörkens hat sich den ständigen Blick zurück verwehrt. „Vergangene Woche hatten wir im neuen Borschemich Herbstkirmes, bald ist die Rasselbande wieder mit ihren Karnevalssitzungen dran, die Bruderschaft wird dann auch aktiv, die Feuerwehr, ja, das Vereinsleben, das funktioniert da schon ganz gut.“

Natürlich fühlt sich Lörkens mit den Borschemichern auch am neuen Siedlungsort ganz dicht bei Erkelenz eng verbunden, mit den Vereinen verwoben, in allen ist er Mitglied – außer in der Rasselbande. „Das bleibt ‘ne Frauengesellschaft“, sagt er. Im CDU-Ortsverband allerdings ist er der Vorsitzende. Auch in Borschemich (neu). Obwohl er noch im alten Borschemich wohnt. „Ich weiß, dass meine Zeit hier auf Haus Paland bald abgelaufen ist,“ sagt er und schaut auf die Uhr am Handgelenk. Wilfried Lörkens hat den Blick nach vorn gerichtet.

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