Bergheim - 3000 Beschäftigte demonstrieren gegen Kohle-Aus: Der Protest einer genervten Industrie

3000 Beschäftigte demonstrieren gegen Kohle-Aus: Der Protest einer genervten Industrie

Von: Marlon Gego
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Demonstrationszug vor dem Kraftwerk Niederaußem: In Bergheim demonstrierten am Freitag mehr als 3000 Menschen gegen den vorzeitigen Ausstieg aus der Braunkohleverstromung – und gegen die Aktivisten aus dem Hambacher Forst. Foto: dpa
Kohle
Schnellerer Fortschritt beim CO2-Abbau gehört zu den zentralen Forderungen an die neue Bundesregierung. Das darf aber nicht auf Kosten der Mitarbeiter deutscher Kohlekraftwerke passieren, fordert die IGBCE. Foto: Federico Gambarini/dpa

Bergheim. Als CDU, FDP und Grüne kürzlich ihre Sonderungsgespräche zur Bildung einer Bundesregierung führten, konnte Marcel Latz aus Baesweiler manchmal kaum mehr schlafen. Immer neue Zahlen und Ideen drangen aus den Gesprächen an die Öffentlichkeit, erst fünf, dann sieben, irgendwann sogar mal neun Gigawatt Braunkohlekraftwerksleistung, die die Sondierer einsparen wollten.

Sieben Gigawatt, das wäre das Aus des Rheinischen Braunkohlereviers gewesen. Aus den Sondierungen wurde nichts, aber bei Marcel Latz blieb das Gefühl, dass die Diskussionen um den Klimaschutz zunehmend abseits der Realität geführt werden. Latz (25), Jugendvertreter im RWE-Gesamtbetriebsrat, sagte am Freitag, eigentlich schrie er es eher: „Wir jungen RWE-Angestellten, wir machen uns um unsere Zukunft große Sorgen!“

Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE), 645.000 Mitglieder in Deutschland, hat am Freitag in Bergheim-Niederaußem für den Erhalt der Arbeitsplätze in der Braunkohleindustrie demonstriert, auch für eine vernünftige Energiepolitik. Und mit großer Bestimmtheit gegen die Aktivisten aus dem Hambacher Forst, jedenfalls gegen den teil der Aktivisten, der immer wieder Polizisten und RWE-Mitarbeiter angreift. Marcel Latz forderte die Aktivisten dazu auf, nicht länger die Gesundheit anderer Menschen zu gefährden.

Die kämpferische und sagenhaft laute Rede des IGBCE-Vorsitzenden und SPD-Bundestagsabgeordneten Michael Vassiliadis legte offen, dass die 9000 Bergleute, die noch im Rheinischen Revier arbeiten, tief verletzt und verunsichert sind. Der hartnäckige, manchmal beleidigende, meist medienwirksame Protest der Aktivisten und die immer neuen Gutachten, die die Notwendigkeit der Braunkohle in Frage stellen, zehren an den Nerven einer ganzen Industrie. Von Nichtregierungsorganisationen, Vereinen und Bündnissen „wird kampagnenhaft moralisiert“, rief Vassiliadis den Bergleuten zu. Und die Politik springe darauf an „anstatt rational zu überlegen, wie wir gemeinsam die Energiewende gestalten können“.

Denn dass der Klimawandel real und die Energiewende notwendig ist, steht auch für Vassiliadis außer Frage. Aber: „Es verletzt die Menschen im Bergbau tief, dass man ihnen nicht mehr zuhört.“ Der Bergbau habe zuletzt große Zugeständnisse an die Politik gemacht. Im Gegenzug würden die Bergleute nun erwarten, dass sie sich auf die Zusagen der Politik verlassen können. Dass bei den Jamaika-Sondierungen über ihre Köpfe hinweg über Kraftwerksschließungen größeren Ausmaßes diskutiert wurde, hat offenbar eine Wunde bei den Bergleuten hinterlassen. „Politik ist eine Frage des Vertrauens“, rief Vassiliadis. „Die Zukunft verlangt Wandel auch von uns, das wissen wir. Aber wir wollen über die Art des Wandels mitreden.“

Zum einen erwartet Vassiliadis, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Wort hält und „wir nicht demnächst über weitere Emissionseinsparungen sprechen. Mehr geht nämlich nicht.“ Und seinem eigenen Parteivorsitzenden, Martin Schulz, rief Vassiliadis zu, er habe die große Chance, bei den Verhandlungen über eine Neuauflage der großen Koalition in Berlin „endlich wieder Realismus in die Energiepolitik zu bringen“.

Das Argument der IGBCE ist einerseits, dass die deutsche Industrie von bezahlbarem Strom für Verbraucher, Firmen und Konzerne abhängt. Dies sei eine wichtige Voraussetzung für den Erhalt von Arbeitsplätzen und Wohlstand. Und andererseits, erklärte Vassiliadis, sei der Exportweltmeister Deutschland für 2,4 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Von diesen 2,4 Prozent werde die Hälfte von deutschen Kohlekraftwerken emittiert. Nicht nur von denen im Rheinischen Revier, sondern von allen. Selbst wenn Deutschland von heute auf morgen aus der Kohleverstromung ausstiege, änderte das am Klimawandel nicht viel. Allerdings gerieten „Zehntausende Arbeitsplätze in Gefahr“.

Am Ende rief der Vorsitzende der drittgrößten deutschen Gewerkschaft seinen Mitgliedern zu, dass sie „einen wichtigen Job in unserem Land“ haben, für den man sich „nicht zu schämen braucht“. Denn durch ihre Arbeit würden Zehntausende Arbeitsplätze in anderen Industriezweigen gesichert. Wenn die Politik die Arbeitsplätze der RWE-Mitarbeiter „leichtfertig aufs Spiel setzt“, müsse die Politik damit rechnen, dass sich die IGBCE „dagegen zur Wehr setzt“.

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